Und wieder dieses Leid ...

von Rahel Fröse am 18. März 2017

Davor habe ich mich in der letzten Zeit in Deutschland wohl am meisten gefürchtet: Wieder mit dem vielen Leid hier konfrontiert zu werden.

In Deutschland habe ich es genossen, mit anderen Müttern zusammenzusitzen. Die Kinder um uns herum spielen mit unendlich vielen Spielsachen (so scheint es mir jedenfalls), und die Gesprächsthemen gehen von Faschingsbekleidung für die Kinder hin zu was ziehe ich zur nächsten Hochzeit an usw.

Der Tisch ist voller leckerer Sachen, der Kühlschrank voll, die Heizung macht alle (!) Räume warm, der Strom, fällt, ja man kann schon sagen, niemals aus.

Zurück zu Hause

Jetzt bin ich zurück in meinem Zuhause. Meiner gewählten Heimat. Dem Ort, den Gott für mich ausgewählt hat. Ich bin zurück, mein Herz kommt langsam nach, die Liebe, die ich in Deutschland manchmal gesucht habe für die Menschen hier, sie ist ebenfalls zurück. Und mit ihr mein Mitgefühl, mein Mitleiden, meine Gebete, meine Tränen. Nein, es ist nicht nur das, aber viel von dem. Das Leben hier ist schwer. Die Menschen haben unter der hohen Arbeitslosigkeit sehr zu kämpfen.

Ein Besuch bei der Nachbarin

Nach einer Woche zurück in Krume machte ich heute einen Besuch bei meiner jungen, lieben Nachbarin. Sie hat Kinder im fast gleichen Alter wie unsere und jetzt, da es wärmer wird, spielen die Kinder eigentlich den ganzen Tag zusammen draußen. Es ist so schön zu sehen, wie die vier immer wieder neue Sachen zum spielen finden. Nach deutschen Verhältnissen haben sie eigentlich so gut wie nichts. Keinen Sandkasten, kein Trampolin, kein Spielhaus - eine Schaukel aber und viel Fantasie!

So sitze ich mit der jungen, hübschen Mutter mit unseren beiden Jüngsten auf dem Boden. Ihre Schwiegermutter, die normalerweise mit dabei sitzt, ist diesmal noch draußen am arbeiten. Ella (so nenne ich sie hier) ist eine sehr schmale Frau. Was für ein schönes Gesicht sie hat, dachte ich heute. Sie hat mit 19 Jahren geheiratet und danach zwei Mädchen bekommen, die ihr bis heute viel abverlangen. Vor einem halben Jahr hat sie dann, Gott sei Dank, den erbetenen Jungen bekommen. In unserer Kultur hier immer noch sehr wichtig für eine Familie, da er der spätere Versorger der alternden Eltern wird.

Ihre Kinder zieht sie gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter auf. Der Mann ist kaum zuhause.

Ein Blick hinter die Fassade

Ich habe Ella noch nicht oft mit Tränen gesehen. Heute fielen die Mauern der nach außen hin schönen Fassade. Ich scheute mich nicht sie anzusehen, ihr Elend, ihre innere Not, ihre Ängste anzuhören. Einfach zuzuhören. Sie hat sonst niemand. Sie erzählt von all den kaputten Dingen, Ofen und Herd, weiß nicht, wie sie Brot backen und im Sommer kochen soll. Sie erzählt mir von ihrem Mann, der seit Monaten nicht mehr gearbeitet hat, wie er nach Hause kommt, ihn die Kinder nerven, er wieder geht und erst spät zurück kommt. Wie er nachts auf dem Sofa sitzt, seinen Kopf in die Hände versunken.

Sie erzählt mir von schlaflosen Nächten, Sorgen über Sorgen. Ihre schlechten Zähne, einer nach dem anderen geht kaputt, aber da ist kein Geld, um zum Zahnarzt gehen zu können.

Es tut mir so leid für diese junge hübsche Frau. Ist das ein lebensnotwendiges Gut? Gute Zähne? Gibt es nicht größere Nöte? Ja, die gibt es. Aber ich trauere mit dieser Frau und kann verstehen, dass es für sie eine große Not ist, mit 25 Jahren schon Zähne zu verlieren.

Seit langer Zeit kann sie ihre Familie in der Hauptstadt nicht mehr besuchen. Reisen kostet Geld. Ihr Vater und Bruder sind illegal nach England ausgewandert.

Und vor kurzem gab es einen schlimmen Autounfall mit mehreren Jungs. Ihr Cousin fuhr das Auto, das einem anderen Jungen das Leben kostete. Völlig verstört befindet sich der Fahrer nun im Gefängnis, weit weg. Er ist gerade mal 17 Jahre alt.

Was kann ich tun?

Leid über Leid. Ich sitze da. In meinen Gedanken überlege ich mir, wie ich diesem Leid begegnen kann. Können wir nicht einen neuen Ofen kaufen? Ihr den Zahnarzt bezahlen, ihrem Mann irgendwie Arbeit beschaffen? Und sollten wir mit der Familie nicht einfach mal einen schönen Ausflug in den Kosovo machen, damit sie auf andere Gedanken kommen? All das geht mir durch den Kopf.

Und da bin ich wieder. Mitten drin im Überlebenskampf der Menschen, unserer kostbaren, uns von Gott anvertrauten Menschen.

Die kleine Tochter sieht die Tränen ihrer Mama und fragt: "Warum bist du traurig Mama?" "Mir brennen nur die Augen", sagt die fürsorgliche, beschämte Mama. Dabei brennt ihr Herz.

Wir hören die Kinder draußen fröhlich spielen. Was wissen sie schon. Die Kinder machen keinen Unterschied. Sie sind gleich. Es sind Kinder.

Die Hoffnung in Jesus

Dann erzähle ich den beiden, die Schwiegermutter ist mittlerweile gekommen, von der Hoffnung in Jesus. Als ich damit begann, kam der Strom wieder, der seit früh morgens den ganzen Tag weg war. Licht ging an. Ella meinte: "Du redest von Gott und das Licht geht an." Ich sagte, ja, wirklich, Jesus ist als Licht gekommen. Ich erzähle weiter, sage, dass die Hoffnung in Jesus nicht leere Worte sind, nicht eine einfache Tröstung.

Nein, er ist da, um uns unsere Sorgen abzunehmen. Er sorgt für uns!

Später verabschiede ich mich von Ihnen. Wir reden noch über all die guten Dinge in unserem Leben. Und wie wichtig es ist, auf das Gute zu sehen.

Ich weiß nicht, was in ihren Herzen geschieht. Ich weiß nur, dass mir Ella heute zum ersten man richtig ihr Herz geöffnet hat. Und ich möchte dran bleiben, mit ihr zu beten, für sie zu beten und zu sehen, was Gott tut.

Ja, hier bin ich wieder, mitten in diesem Leid... - mitten in dem, was Gott hier tut!

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