Übergangszeit

von Rahel Fröse am 3. November 2019

Da bin ich wieder. Ich kenne diese Gefühle nur zu gut. Dieses Schwanken. Diese Melancholie. Dieses sehnsüchtige zurückblicken auf lange, warme Tage, während ich mich bücke und die herunter tanzenden, welken Blätter unseres Maulbeerbaumes aufsammele. Henry hilft mir dabei. Ich freue mich über diesen kleinen Mann, der in diesem Sommer solch große Schritte gemacht hat, der laufen gelernt hat und nicht mehr zu bremsen ist.

Ich reiße die verblühten Sommerblumen heraus. Wie jedes Jahr wundere ich mich, wie es nur so schnell gehen konnte. Gerade erst die kleinen Samen in die Erde gelegt und schon ziehe ich mit nicht zu geringer Kraftanstrengung an den Wurzeln der vielverzweigten Blumen. Meine geliebten Blumen. Wieder heißt es Abschied nehmen von der bunten Pracht. Wieder heißt es, ein Ja zu finden für die Vergänglichkeit. Ein Ja für Veränderung. Ein Ja zum Sterben. Zum kahl sein und braun werden. Scheinbar leblos sein.

Im Haus ist es die Tage kälter als draußen. Das kommt in dieser Übergangszeit öfter vor. Ich ziehe mir meine Fließjacke an, ohne sie fühle ich mich nicht wohl. Aber es ist noch nicht kalt genug für die lodernde Hitze des Feuers. Noch nicht. Doch das kann schnell kommen. 

Ich sitze auf dem Sofa und schaue auf den großen Berg hinter unserem Haus, der immer brauner wird. Wie oft habe ich ihn schon gesehen, wie er sein Kleid wechselt. Ich atme tief ein und aus. Wie ein Seufzer, wie ein stilles Gebet: Oh Herr, trag uns auch durch diesen Winter. Hilf uns, als große Familie mit unterschiedlichen Bedürfnissen in dieser kleinen Wohnung das Beste aus der Enge zu machen. Uns näher zu kommen. Nicht uns ständig auf den Füßen stehen.

In Deutschland waren mir diese Übergangszeiten von Sommer auf Winter (einen richtigen Herbst gibt es hier nur sehr kurz) nie so bewusst gewesen. Nun ist es hier um fünf Uhr stockdunkel und man hat im Haus zu sein. 
Noch greift diese Dunkelheit manchmal spürbar an mein Herz und will mich traurig machen. Noch kann ich so oft nicht aus vollem Herzen Ja sagen zu dieser neuen Zeit. Noch weiß ich nicht, wie die nächsten Monate werden. Welchen Rhythmus unser Leben annehmen wird. Ich weiß nur, dass ich Zeit brauche. Zeit, um voll und ganz Ja zu sagen und etwas schönes aus dem gegebenem zu machen. Die Dunkelheit umarmen und nicht als finsteren Feind zu sehen, der mir Lebensfreude rauben will. Der mich packt und runter ziehen will.
Ich möchte mir selbst eingestehen, dass ich diese Zeit brauche. Zeit, mich zu sortieren um mutig weitergehen zu können. 

Die Tage las ich einen Artikel, der mich angesprochen hat. Besonders diese Zeilen:

„Vielleicht erfordert eine Übergangszeit ein Stehenbleiben.
Sich neu ausrichten. 
Das anschauen, was ist. 
Das feiern, was bereits erreicht wurde. 
Und was nicht ist, das darf ich getrost aufs Wartebänkchen schieden.“ (Veronika Smoor)

Das will ich in diesen Tagen. Und Gott wird mir helfen, mit Freude und Kraft durch diese Übergangszeit hindurch zu gehen und im neuen und alt bekannten wieder anzukommen. 

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