Mein Erlebnis einer Brautschau und der völlig anderen Welt, in die ich eintauchte

von Rahel Fröse am 21. Juli 2014

brautschauGestern fand hier im Ort eine der vielen Hochzeiten in diesen Sommermonaten statt. Unser "Clan", sprich die Familie, zu der wir sozusagen zugezogen sind, waren alle da. (Hier im Ort gibt es einige größere Familien, die alteingesessen und sehr angesehen sind. Gott hat es gut gemacht, uns in eine von ihnen "einzupflanzen", indem wir hier in diesem Haus wohnen. Das ist ein sehr großer Vorteil, wie wir schon oft gemerkt haben.)

Heute morgen war dann die traditionelle Brautschau. Ich wusste nicht so recht, was das sein sollte, als ich dazu eingeladen wurde. In meinem deutschen Denken stellte ich mir die Braut in ihrem Kleid vor, freudig strahlend und stolz über all die vielen Geschenke und ihr schönes Kleid. Ich stellte mir vor wie sie die Geschenke auspackt und sie ihren Freundinnen und ihrer Familie mit einem Lachen zeigt.

Dass diese Vorstellung nur allzu weit von der Realität hier in Krume entfernt ist, hätte ich mir nicht träumen lassen.
Ich wurde also von meinen Nachbarinnen abgeholt. Ich war normal gekleidet, musste aber feststellen, dass alle anderen fein herausgeputzt waren, so, als gingen sie zu einer Hochzeit.
(Zwei meiner jungen Nachbarinnen dürfen eigentlich nicht raus. Sie bleiben fast immer Zuhause, außer eben zu solch offiziellen Anlässen. Da kann ich sehr gut verstehen, dass man, wenn man schon mal raus darf, auch richtig hübsch sei möchte - meine Erklärung...).

Als wir dann das Gelände einer eher reichen Familie betraten, sah ich schon von weitem eine Braut. Ich dachte, es wäre eine Puppe mit dem Brautkleid an. Doch als ich näher kam, bemerkte ich, dass das Herz der "Puppe" schlägt.  Es war tatsächlich die echte Braut, die beinahe regungslos vor sich hinstarrte, ihren Blumenstrauß in beiden Händen umklammert, mit ernstem, starrem Blick. Niemand begrüßte sie. Niemand lächelte ihr zu. Sie stand da wie ein Objekt, dass man ohne Scheu begutachten durfte, ja sollte.

Wie ich erfuhr, waren unter den vielen Frauen auch keine aus ihrer Familie, geschweige denn Freundinnen. Wahrscheinlich waren alle Frauen, die aus der Familie des Mannes oder eben aus der Nachbarschaft kamen, ihr unbekannt.

So saß ich neben meiner lieben Freundin und konnte sie so einiges fragen: Ob sie aus Liebe geheiratet hätte (eine sehr übliche Frage hier), darauf nur ein bestimmtes jae, was in unserem Dialekt das jo für nein ersetzt. Sie käme aus einem Dorf. Ihre Familie ist hier nicht anwesend, dass ist Tradition. Wie sie heißt, nun, das konnten mir die meisten in meinem Umfeld nicht beantworten. Eine ältere Dame etwas weiter weg kannte dann doch den Namen der Braut, die von allen nur "Nuse" genannt wird, was übersetzt junge Ehefrau bedeutet.

Neben der Braut standen zwei Schaufensterpuppen, die traditionelle Kleidung trugen. Das Ergebnis von vielen, vielen Stunden mühevoller Arbeit der 18 jährigen Braut.
Dann wurde ein Koffer nach dem anderen geöffnet. Zuerst zeigten sie mehrmals hinter einander die handgemachten Dinge der Braut: gestickte Deckchen, gestrickte Pullover, Kleider, und so vieles mehr. Ich habe nicht schlecht gestaunt über das Geschick dieser jungen Frau. Was die in ihrem kurzen Leben schon alles gemacht hat, unglaublich.

Anschließend wurden alle Geschenke hochgezeigt, natürlich mit Namen des Gebers. Auch da staunte ich sehr, wieviel geschenkt wurde an Kleidern, Taschen, Tischdecken, selbstgestrickten Socken, Schuhen, Schmuck, und auch Geld. Bei all dem stand die Braut nur daneben, sie schaute nicht auf ihre Geschenke und nicht auf die Gäste.

Ich sah sie mir länger an. Ich fragte mich, was wohl in diesem zart schlagendem Herzen vor sich geht. Wie fühlt man sich wohl in einer solchen Situation? Gestern wurde sie von ihrer Familie abgeholt, musste mit Tränen Abschied nehmen von ihren Lieben und wird ab heute in einem fremden Haus mit einem ihr noch fremden Ehemann leben, mit einer Familie, die sehr viel zu sagen hat in ihrer Ehe.

Hat sie Angst? Kannte sie ihren Mann vorher? Findet sie ihn nett? Wird er sie gut behandeln? Und die Schwiegermutter? Was wird jetzt von ihr erwartet? Wird sie die Erwartungen erfüllen können?

Welcher Mensch steckt hinter dieser maskenhaften Fassade? Welche Hoffnungen und Träume erfüllen ihr Herz? Hat sie überhaupt welche?

All das weiß ich nicht. Aber je länger je mehr verstehe ich, wie viel anders dieser Ort der Erde ist als alles, was ich bisher kannte und für mich normal war.

Wie kann hier das Evangelium durchdringen? Zu all diesen Frauen, zu dieser jungen Braut?
Ich wünsche mir so geöffnete Augen des Herzens, um die Menschen hier mit Gottes Augen zu sehen und ich brauche seine Kraft, um diesem anderen Leben hier begegnen zu können.

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