Lebst du ein revolutionäres Leben?

von Rahel Fröse am 17. November 2020

Es ist noch recht früh am Morgen. Die Kinder und der Mann sind aus dem Haus, Henry spielt unten bei unserer albanischen Oma. Ruhe macht sich breit. Wie ungewöhnlich, wie wohltuend. In meinem inneren gehe ich den Tag durch. Was möchte ich heute alles machen, wen treffen, wo muss ich mal wieder aufräumen (oh, das Kinderzimmer liegt mir schon seit Tagen drängend auf dem Herzen…). Fast bin ich versucht, loszulegen, meine Liste abzuarbeiten, mich in Geschäftigkeit zu verlieren.

Doch eine andere Stimme sagt etwas anderes: Steh auf und lauf in Jesu Arme. Verbringe diese kostbare ruhige Zeit in seiner Nähe und Gegenwart. Viel zu selten sind diese Augenblicke. All die Arbeit, sie wartet. Eines hast du gerade Not: zu Jesu Füßen zu sitzen. 

So gehe ich in mein Zimmer, das zugleich Schlaf-, Arbeits- und Wohnzimmer ist. Dort habe ich meinen geliebten kleinen Schreibtisch, dort ist mein geliebter Ort, an dem ich zur Ruhe komme, an dem eine Kerze ihr Licht in mein Herz scheint und mich an mein großes Licht im Leben erinnert. Hier schlag ich meine Bibel auf, hier begegne ich Jesus, hier darf ich einfach Sein. Ganz ohne Leistung, ohne Druck. Hier darf ich innerlich und äußerlich zur Ruhe kommen. Hier kann ich all die liegengelassene Arbeit vergessen. Hier darf ich einfach SEIN. Und das ist es, worauf es im Leben ankommt. Das ist es, was mich ausmacht, oder?

Dabei muss ich an das Buch von Samuel Koch denken und an unsere Begegnungen am Wochenende. Ich war mit Alex unterwegs und wir hörten „Steh auf Mensch!“ als Hörbuch. (Ich kann es sehr empfehlen!) Darin geht es um Resilienz und was uns die Kraft gibt, aufzustehen. Vieles sprach mich sehr an, vor allem aber auch folgendes:

Die meisten Menschen leben nach dem Prinzip: Tun, Haben, Sein. Wenn ich etwas tue, dann habe ich etwas und dann erst bin ich etwas. Das heißt, wir identifizieren uns mit dem, was wir tun und haben zuallererst. Wenn dann etwas von dem wegbricht, dann kommt unser ganzes Sein ins Wanken. 

Bei Jesus ist es genau anders herum: vor ihm dürfen wir Sein - er gibt uns unsere Identität und unseren unschätzbaren Wert, ganz unabhängig davon, was wir leisten, was für einen Status wir haben, wie wir aussehen, was wir besitzen und angehäuft haben. Jesus gibt uns unseren Wert und er füllt unser Sein aus. Doch um das immer wieder so zu realisieren, ist es sehr wichtig, diese Zeit bei ihm zu haben, in Ruhe, in der Stille, uns von ihm füllen lassen. Unsere wahre Identität als geliebtes Kind Gottes in ihm zu finden. Dann erst kommt unser Haben und darauf folgt unser Tun. 

An besagtem letzten Wochenende trafen wir dann, nachdem wir das angehört hatten, auf zwei sehr nette deutsche Herren. Ehrlich gesagt muss ich mich immer wieder etwas umstellen, wenn ich nach langer Zeit mal wieder leibhaftig Deutsche treffe (habe ich schon Monate nicht mehr… 😉 Ich muss mich umstellen, weil sie einfach aus einer komplett anderen Welt kommen und meine doch durch all die Jahre in Albanien verbrachte Zeit, sehr anders geprägt ist. Ich muss mir vorstellen, aus was für einer Welt sie kommen, nun, aus meiner Heimat eigentlich, aber diese ist weit entfernt für mich nach sieben Jahren im Ausland. 

Dennoch freue ich mich natürlich sehr und interessiere mich für ihr Leben. So fragte ich den Älteren von beiden (man wendet sich in Albanien immer zuerst dem ältesten zu), ob er wohl Kinder habe. (Da bin ich ganz albanisch. Das ist eine der ersten Fragen, die man hier stellt 🙂

Etwas überrumpelt fühlte ich mich dann bei der Antwort. In recht ausführlichen Worten bekam ich zu hören, was seine vier Kinder alles studiert haben, wo sie arbeiten, wieviel Geld sie für ihre Forschung bewilligt bekamen (sage und schreibe 80 Millionen) und so weiter. Nun, ich wusste gar nicht genau, was ich sagen sollte. Natürlich freue ich mich für diesen Mann und seine erfolgreichen Kinder. Doch in keinster Weise sprach er von anderen Dingen, die seine Kinder vielleicht auch ausmachen könnten: haben sie Familie, leben sie mit Jesus… Seine Frau, so bekam ich mit, ist vor zwei Jahren verstorben, aber sie hat bis zum letzten Tag gearbeitet, wie er mit Nachdruck betonte. Mich durchfuhr ein unangenehmer Schauer...

Als ich später über dieses Gespräch nachdachte, da war ich schon etwas bedrückt.

Kann es sein, dass auch wir Christen uns viel zu sehr definieren lassen von dem, was wir tun, was wir erreicht haben, was wir in dieser Welt darstellen? Ist das unsere Identität? Ist das das, was uns stolz macht, wenn wir unsere Kinder sehen? Sie haben in der Welt was erreicht?

Definieren wir uns nicht hauptsächlich über das, was wir tun und was wir haben? Unsere wahnsinnig materialistische westliche Welt tut alles dazu, das wir glauben, das sei es, was wichtig ist. Und genau das ist es, was in den Augen dieser Welt ja wichtig ist. Und genau das ist es ja auch, was so viele Menschen gerade in unserer Wohlstandsgesellschaft so krank macht. 

Was ist deine Identität? Worüber definierst du dich? Ist es dein Beruf? Sind es deine erfolgreichen Kinder? Deine unermüdliche Einstellung zu Arbeit, Arbeit, Arbeit bis zum letzten Atemzug? Definierst du dich über das, was du erreicht hast? Über dein schönes Haus und den ordentlichen Vorgarten? Deine stylische Wohnung oder dein modisches  Aussehen?

Es ist revolutionär in unserer heutigen Zeit, wenn wir genau das nicht tun! Es ist revolutionär, wenn wir auf die Frage, wer wir sind, antworten: Ich bin Rahel, ein überaus geliebtes Kind Gottes, dem alle Schuld vergeben ist, und das einzig und allein für Jesus lebt. -

Oh, dass ich das doch sagen könnte. Alles ist mir gegeben und alles ist mir Jesus. 

Scheint dir das jetzt reichlich weltfremd, reichlich übergeistlich, reichlich abgehoben?

Dann höre dir Paulus an, der uns immer wieder auffordert, seine Nachahmer zu werden:

„Denn der Inhalt meines Lebens ist Christus und deshalb ist Sterben für mich ein Gewinn.“ (Philipper 1,21)

Nur wenn Jesus der Inhalt meines Lebens ist, nur wenn mein ganzes Sein in ihm gegründet ist, dann ist Sterben für mich Gewinn, weil ich nicht für mich gelebt habe. Wenn mein Gewinn in dieser Welt das Streben nach Anerkennung und nach materiellen Gütern ist, dann ist Sterben der ultimative Verlust und in keinster Weise ein Gewinn. Doch Paulus setzt noch eins drauf: einige Verse weiter schreibt er (aber Paulus, so radikal und revolutionär kann man doch als vernünftiger Mensch nicht sein…):

„Mehr noch: Jesus Christus, meinen Herrn, zu kennen ist etwas so unüberbietbar Großes, dass ich, wenn ich mich auf irgendetwas anderes verlassen würde, nur verlieren könnte. Seinetwegen habe ich allem, was mir früher ein Gewinn zu sein schien, den Rücken gekehrt; es ist in meinen Augen nichts anderes als Müll. Denn der Gewinn, nach dem Ich strebe, ist Christus; es ist mein tiefster Wunsch, mit ihm verbunden zu sein.“ (Philipper 3,8-9)

Was für radikale Worte. Zuvor hatte Paulus all die Dinge aufgezählt, die ihm in den Augen der Welt Wert und Achtung einbrachten: seine Herkunft, seine Ausbildung, sein Fleiß.

Doch all das ist nichts für ihn. Allein in Jesus zu Sein und ihn besser kennenzulernen, zu seinen Füßen zu sitzen - das ist der absolute Hauptgewinn dieses Lebens hier. Das war seine Identität. Jesus, sein Leben! (Natürlich versteht sich von selbst, dass Paulus wie kein anderer aus dieser Identität heraus für Jesus und sein Reich und seine Gemeinde unermüdlich gearbeitet hat. - Aber das aus der richtigen Motivation heraus.)

Ich will dieses revolutionäre Leben leben. Ich bete um die Gnade, dass ich meinen Wert nur in Jesus finde und auf diesem unerschütterlichen SEIN und ich bin SEIN lebe und mein Leben einsetze, damit viele Menschen davon hören.

Photo by Bluewater Globe on Unsplash

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