Die lähmende Angst vor Gerede in unserer Stadt - ein kleiner Einblick

von Danny Fröse am 22. Dezember 2016

Nun lebe ich schon seit gut drei Jahren an diesem Ort.
Ich habe mich gut eingelebt, kann die Sprache einigermaßen, kenne viele Leute, habe einige Freunde gewonnen und ja, ich würde sagen, ich habe mein Zuhause hier gefunden.

Dennoch, ja länger man hier lebt, desto mehr begreift man, wie anders doch alles ist. Wie anders die ganze Denkweise, das Weltbild, die Lebensumstände. Und dabei rede ich nicht von dem, was man oft vordergründig sehen kann. Nein, ich meine das, was wir eben nicht sehen können. Mir fällt immer wieder auf, dass mir manches Denken so fremd ist, dass es mir so schwer fällt, es zu verinnerlichen und auch anzunehmen.

Beispiel 1:

Ich möchte euch ein Beispiel nennen: es betrifft meine engsten Freundinnen und Nachbarinnen. Es sind junge Mütter. Ehefrauen von "konservativen" Männern aus unserem Clan. (Ich sage unserem, da wir uns mit unseren Nachbarn von unten schon wie in einer Familie fühlen und sie stammen auch aus diesem Clan, wie ein großer Teil unseres Viertels.)

Vor ein paar Tagen fragte mich nun meine Nachbarin, ob ich mit ihr zur Physiopraxis laufen könne. Die Schwiegermutter würde bei dem zwei Monate alten Jungen bleiben. Ich hatte den Vormittag zwar völlig anders geplant, aber ich ging natürlich mit ihr mit. Ich weiß, dass die junge Frau nicht alleine diesen Weg von fünf Minuten gehen darf. Auf dem Weg äußerte sie sich darüber, wie weit der Weg doch sei. Für mich, die ich diesen Weg tagtäglich fast mehrmals laufe nicht ganz verständlich. Doch für meine Freundin, die die meiste Zeit ihres Tages nur im Haus und im Garten verbringt, scheint es tatsächlich weit, zumal wir uns auch in ein anderes Lagjia, sprich Viertel begeben. (Unsere Stadt ist in viele verschiedene Viertel eingeteilt, wobei fast jedes Viertel von einem Clan "beherrscht" wird und dann auch entsprechend heißt. Im eigenen Lagjia kann man sich als Frau eher frei bewegen und manchmal scheint man sich direkt zu fürchten, in ein fremdes zu gehen.)

Während wir dann ca. Eine Stunde zusammen warten, erklärt sie mir noch einmal das Denken der Menschen hier: wenn sie allein unterwegs wäre, dann würden die Menschen hier reden. Vor allem aus dem eigenen Clan: was macht denn die Frau von soundso allein unterwegs? Wo war sie wohl? Wo geht die denn hin? (Ich weiß nicht, ob es wirklich so ist, oder vieles auch nur das, was man selber vielleicht denken würde.) Das heißt auf den Mann der Frau, die alleine rumläuft würde in gewisser Weise Schande fallen und er würde vielleicht von anderen gefragt, was seine Frau mache.

Um diesem Gerede aus dem Weg zu gehen, geht man am besten gar keine Wege mehr außerhalb der eigenen Mauern. Das macht mich traurig. Es macht mich traurig, dass sich die Menschen hier das Leben noch schwerer machen, als es doch schon ist. Dass keiner den Mut hat, aufzuhören zu reden. Denn offensichtlich reden fast alle.

Wie ist das denn bei mir, fragte ich dann. Ich bin doch sehr oft allein oder mit meinen Kindern unterwegs. Nein, ich sei da außen vor, da ich nicht von hier komme. Alle wüssten ja, dass ich einer anderen Kultur "entstamme", oft fällt das Wort "kultivierter". Ich versuche das dann zu beschwichtigen.

Beispiel 2:

Dann war ich heute bei zwei anderen Freundinnen und lud sie zu unserem Fest zu Weihnachten ein. Sie sind beide sehr an Jesus interessiert und haben beide schon im Namen Jesu körperliche Heilung erfahren und auch inneren Frieden. Der Mann der einen Freundin lebt in England. Dort ist er ohne Papiere. Das bedeutet er kann eigentlich nicht nach Hause kommen. Er ist schon fast drei Jahre weg. Dennoch stehen sie im engen Skype Kontakt. Und bei jeder Sache, muss sie ihn um Erlaubnis fragen. So zum Beispiel auch, ob sie zu der drei Minuten entfernten Physiopraxis gehen darf oder nicht. Als sie ihren Mann fragte, meinte der wohl: "Ach du hast doch nichts." Und damit war die Sache beendet. Der andere Ehemann lebt hier.

Was mir heute bewusst wurde ist, dass es für Frauen, deren Männer nicht hier vor Ort leben (sondern z.Bsp. in England), teilweise noch viel schwieriger ist, sich frei zu bewegen. Die Männer haben solche Angst, dass über ihre Frauen und vor allem auch über sie schlecht geredet wird. "Schau mal, die und die. Ob ihr Mann das wohl weiß...." Er könnte sein Gesicht verlieren und die Menschen sollen doch sehen, dass er sehr wohl noch der Chef ist auch wenn er sehr weit entfernt ist. Darauf achtet auch die größere Familie.

So bleibt es spannend, ob meine beiden Freundinnen zu der Weihnachtsfeier kommen dürfen. Und auch da bleibt der angstvolle Gedanke: was werden die Leute reden, wenn sie sehen, wohin ich gehe?

Meine Hoffnung

Mein Gebet ist es, dass Gott dieses kranke Denken durchbricht. Es ist wie ein Gefängnis, das sich die Menschen hier selber bauen. Sie hassen es eigentlich und haben Angst davor, und dennoch bauen sie beständig selber daran. Teuflisch.
Doch, Jesus kann Veränderung schenken. Er kann Menschen hervorbringen, die sich gegen dieses "System" mutig stellen und den Anfang machen, nicht mit zu bauen. Es braucht immer Mutige, die etwas anders machen. (So wie vor einigen Jahren die erste Frau dem Gerede trotzte und in ein Café ging. - Nun scheinen immer mehr Cafés auch für Frauen zu öffnen, noch wenig, aber ich habe Hoffnung. 🙂 Und ich bete, dass Menschen hier zu Jesus finden und den Unterschied machen.

Meine Freundinnen tun mir leid. Und doch sind sie so aufgewachsen. Sie finden es nicht gut, aber sie können nicht ausbrechen. Ich möchte Ihnen so gut ich kann beistehen, sie verstehen und sie herausfordern selbst mit dem Reden aufzuhören.

Ich verstehe noch so wenig von der Welt hier, in der ich lebe. Eine fremde Kultur lässt sich nicht in wenigen Jahren "durchschauen". Es braucht Jahrzehnte, so befürchte ich. Aber gut ist schon einmal, dass ich weiß, dass ich so vieles einfach nicht weiß.

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