Der Besuch in einer Familie die trauert

von Rahel Fröse am 9. Dezember 2017

Es ist schon dunkel draußen. Ich setze mich nach hinten ins Auto nach einem kleinen Kampf mit Shaban, der mir aus Respekt den vorderen Platz geben möchte. Doch ich kenne die Kultur nun so gut, dass ich weiß, dass Männer hier immer vorne sitzen.
Wir fahren los. In der Stadt ist fast nichts mehr los. Einzelne Leute laufen über die Straßen. In den Cafés sitzen hier und da noch Männer. Seit ein paar Tagen ist auch der große Baum in der Mitte der Stadt aufgestellt. Was für uns ein Weihnachtsbaum ist, ist für die Menschen hier der Neujahrsbaum, weil sie kein Weihnachten kennen. Tausende Kugeln schmücken ihn. Aber es fehlen noch die Lichter. Er ist noch dunkel und nicht erleuchtet.

Alles scheint so normal, so alltäglich hier. Aber in meinem Herzen fühle ich mich alles andere als "alltäglich". Ich bin auf dem Weg in ein Haus, in dem vor einer Stunde ein Mensch seinen letzten Atemzug getan hat.

Vor vier Tagen hatte unsere albanische Oma, die Mutter von unserer geliebten Rrushe, mit der wir gemeinsam in einem Haus leben, einen Schlaganfall. Seitdem lag sie ohne Bewusstsein in der kleinen, ärmlichen Stube des Sohnes. Das schlechte Sofa ausgeklappt und mit einer Matratze verstärkt.
Ihre Augen sind geschlossen, sie kann nicht mehr reden, nicht mehr trinken oder essen. Anfangs bewegte sie noch die linke Hand. Einmal beobachtet ich, wie ihr Sohn (sie hat drei Söhne und zwei Töchter) sich hinter sie setzte, und ihre Hand mit seiner liebevoll bewegte. Was für kostbare kleine und letzte Zeichen der Zuneigung und Liebe.

Rrushe war die ganze Zeit bei ihr. Sie tat in diesen vier Tagen und vier Nächten kaum ein Auge zu.
Ich fuhr jeden Tag hin, einfach um ihr beizustehen, zu trösten und Worte des Lebens weiterzugeben. Innerlich betete ich zu Jesus und um sein Eingreifen. Dass er sich über die liebe Nena Aishe kümmert. Und um alle andern in der Familie.

Vor einer halben Stunde hatte ich nun die Nachricht von ihrem Tod bekommen. Mitten im Plätzchen backen mache ich mich mit Shaban und unserem Nachbarn auf den Weg in das Haus der Trauer.
Mir war immer klar gewesen, dass wenn der Tag kommt, an dem Rrushes Mama geht, dann ist mein Platz an Rrushes Seite. Da sie selbst keine eigenen Kinder hat, bin ich ihre Tochter geworden. Mein Herz ist voller Liebe für diese Frau.

Die Lichter unserer Stadt verschwinden langsam. Wir sind auf dem Weg ins Dorf, 20 Minuten entfernt, in die Berge, auf einer kurvigen Straße. Wir schweigen. Keinem ist nach reden zumute. Mein Blick geht aus dem Fenster. Hier in der Dunkelheit, die keine Straßenlaterne erhellt, fällt mein Blick zu dem klaren Sternenhimmel. Wie schön, denke ich. Wie wunderschön.

Als wir ankommen, müssen wir erstmal noch einen kleinen Marsch hinter uns legen, bis wir zu dem Haus gelangen. Es ist still. Die Angehörigen, die für mich zu einer Familie geworden sind, begrüßen mich. Mit Tränen in den Augen nehme ich die Söhne in den Arm. Dass mich Männer in den Arm nehmen ist unüblich hier und ist ein Zeichen, dass ich ihnen wie eine Schwester oder Tochter bin. Ein Zeichen von: du gehörst zu uns.

Ich gebe die Kerze und das eingerahmte Bild von Nena Aishe ab und geh in die kleine, ärmliche Stube. Da stehen nur alte Sofas und ein Ofen, der die letzten Tage und Nächte durcharbeiten musste. Nena Aishes Gesicht ist mit ihrem weißen Kopftuch bedeckt. Sie ist mit einer schönen Decke zugedeckt. Ich gehe zuerst zu Rrushe. Meine geliebte Rrushe. Bei dem Gedanken, wie sehr ihr Herz jetzt schmerzt, bekomme auch ich Tränen in die Augen. Sie hatte immer eine sehr besondere und liebevolle Beziehung zu ihrer Mutter gehabt. Und obwohl sie ein gutes Alter hatte und auch einen Tod ohne große Schmerzen, trotzdem schmerzt der Abschied sehr.

Nacheinander nehme ich auch die anderen in den Arm und drücke mein Beileid aus. Die Stimmung ist schwer und doch nicht zu drückend. Shaban und der Nachbar waren nur ganz kurz in dem Raum und sind dann in den Nebenraum, der extra für die Männer vorbereitet wurde. Wie schlimm, dachte ich, dass man sich hier als Eheleute in solch einer Situation nicht beistehen kann... Mein Mann wäre für mich doch der erste, der mich trösten und im Arm halten würde, wenn meine Mutter stirbt.

Dann kommen einige Enkeltöchter rein. Eine von ihnen weint bitterlich, laut und ohne Hemmungen. Sie reißt das weiße Tuch weg und küsst das Gesicht der toten Oma. "Sei leise!" Hör ich von hier und da. "Nehmt sie da weg." Von einer anderen Seite. Doch Emotionen lassen sich nicht so leicht weg-befehlen.
Immer mehr Angehörige kommen und weinen und klagen. Ich sitze dabei. Still. Mein Blick geht immer wieder zu Rrushe. "Ich muss jetzt stark sein wie ein Mann." Hatte sie mir vorher gesagt.

Als sie sich dann zu ihrer Mutter kniet, komme ich zu ihr. Ich lege meinen Arm um sie.
Sie möchte ihre Mama berühren. Das Gesicht, das sie so oft gesehen hat, gewaschen hat, geküsst hat. Sie will es sehen und berühren und ich verstehe es so gut. Als wieder jemand kommt und sagt, "Lass das." Da sage ich: "Lass sie doch. Sie braucht die Zeit zum Abschiednehmen." Nur zu schnell wird der tote Körper nicht mehr hier sein. Innerhalb von 24 Stunden muss beerdigt werden und es ist allen klar, dass am nächsten Tag um 12 Uhr wie üblich die Beerdigung sein wird. Sie hat noch 16 Stunden.

Ich nehme meinen Mut zusammen und bete mit Rrushe. Ich bete zu Jesus. Und mein innerer Schrei ist, dass Er durchbricht und sie Ihn erkennen darf.

Nach ein einhalb Stunden gehen wir wieder. Die Familie im Haus hat nun viel vorzubereiten für die Beerdigung am nächsten Tag. Sie müssen das Bestattungsunternehmen rufen, einen Sarg besorgen, ein Grab ausschaufeln, ein Essen für alle, die kommen werden, organisieren, Nena Aishe waschen und herrichten und die ganze Nacht Totenwache halten. Sicher gibt es noch viel mehr Dinge, die nun getan werden müssen, und von denen ich keine Ahnung habe.

Ich sitze wieder im Auto. Der Nachbar möchte mit mir über eine Arbeit in Deutschland reden. Nach einer Weile sage ich ihm, dass meine Gedanken gerade wo anders sind. Shaban sagt nur: Gott segne dich.

Der Sternenhimmel ist schöner denn je. Klar und strahlend in dieser Dunkelheit.

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