Letzte Wochen in Albanien

Es ist fünf Uhr morgens. Ich kann nicht mehr schlafen. Heute ist der 1.Juni  und damit hat unser letzter Monat in Krume begonnen. Schon wenn ich das schreibe könnte ich heulen. 

Wie so oft in den letzten Wochen und Monaten kreisen meine verschlafenen Gedanken zu so früher Stunde nur um das eine: wir gehen von hier weg. Bald wird Krume ein Kapitel unseres Lebens sein, das abgeschlossen ist, ein ganz neues tut sich auf, in Deutschland. Diese Gedanken sind begleitet von vielen unterschiedlichen Gefühlen, aber doch hauptsächlich mit einer großen Trauer und einem großen Schmerz. Fast acht Jahre leben wir nun hier und unser Leben, unser ganzes Sein ist sehr eng verwoben mit dem Leben und den Menschen hier.

Wir haben unseren Dienst mit Freude und Hingabe getan, die Schwierigkeiten und Herausforderungen, die wir gerade am Anfang und am Ende unserer Zeit hier hatten, all das hat uns nur noch enger mit diesem Ort verbunden. Unseren jetzigen vertrauten Umgang mit dem Leben hier, den haben wir uns erkämpft. Und so wie eine Ehe durch erfolgreich durchlebte Stürme stärker wird, so auch unsere Verbindung zu hier. 

Da ist die Traurigkeit. Mir sagte jemand, dieser Prozess ist zu vergleichen mit dem Verlust eines geliebten Menschen. Es ist ein bewusstes loslassen gefragt und ein immer wieder voller Vertrauen sich an Gott hängen. Ängste, die hochkommen, zu Gott bringen. Schmerz, der manchmal sehr heftig sein kann, spüren und loslassen. Es stirbt niemand wirklich, aber es scheint, als ob etwas in einem stirbt. Etwas, das man festhalten will, und je fester man es hält, desto schneller rinnt es einem zwischen den Fingern hindurch, wie Sand am Meer. Es ist unaufhaltsam. 

Ich weiß, dass es so richtig ist. Aber diese rationalen Gedanken verlieren meist gegenüber den starken Gefühlen der Trauer. 

Ja, natürlich freut man sich auch wieder auf einiges in Deutschland, aber um ehrlich zu sein, ist das im Moment sehr in Hintergrund. Als Danny in Deutschland war und im Haus gearbeitet hat, sprach ich per Video mit ihm und ein alter Freund fragte dazwischen voll Enthusiasmus: “Und freust du dich schon auf euer neues Haus?“ Ehrlich gesagt hat mich dieses Frage völlig überrumpelt und ich konnte gar nichts antworten. 

Es ist nicht, dass ich mich nicht freue und dankbar dafür bin. Aber im Moment bin ich noch so eingenommen von allem hier, dass es mir schwer fällt, mich schon auf das kommende richtig vorzubereiten. (Mein Mann ist da anders und das ist im Moment auch sehr gut so, wenn auch teilweise herausfordernd, wenn es darum geht, sich gegenseitig zu verstehen.)

Ich habe seit einigen Tagen begonnen, ein gutes Buch zum Thema „Re-Entry“ zu lesen. Re-Entry ist das englische Fachwort für das Zurückkehren eines Missionars vom Missionsfeld. Ich habe schon viel darüber gehört und auch gelesen, habe Erfahrungsberichte erzählt bekommen und selbst schon mal einen erlebt, als ich nach einem Jahr Haiti zurück nach Deutschland kam. Es ist etwas, das ich fürchte. Etwas, vor dem ich Respekt habe. Nicht nur wir Erwachsenen machen das durch, sondern auch unsere Kinder. Und jedes auf seine Art und Weise. 

Man kommt in seine Heimat zurück und fühlt sich fremd. Orientierungslos. Allein. Einsam. Unverstanden. Da ist man doch zurück bei Familie und Freunden, aber man fühlt sich nicht mehr dazugehörig, irgendwie wie von einem anderen Stern. Die tief eingeprägte Vergangenheit, all die Jahre in der fremden Kultur, sie haben mich verändert, haben mein Innerstes umgeformt und das sieht man von außen nicht aber das ist es, was mich ausmacht. 

Oft ist der Schock, den man dann erlebt, wenn man in seine Heimat zurückgekehrt größer als der, den man immer so fürchtet, wenn man ausreist. 

Ja, es sind die letzten Wochen hier. Bald wird diese Phase meines Lebens zu Ende gehen. Wie tröstlich sind für mich die Worte aus besagtem Buch:

„Wenn es Gottes Wille für dich ist zu gehen, dann musst du dein Vertrauen in ihn setzen. Gott wird sich um das kümmern, was nicht in deiner Hand liegt. Er will, dass dein ganzes Vertrauen in ihm liegt!“ (Peter Jordan, „Re-Entry“)

Und dieses Wissen aus Psalm 94,18-19 ist mir sehr kostbar:

„Wenn ich sagte: Mein Fuß wankt! (So fühlt sich das oftmals an im Moment…)
So unterstützte mich deine Gnade, Herr.
Als viele unruhige Gedanken in mir waren,
Beglückten (liebkosten)
Deine Tröstungen meine Seele.“

Gott ist treu und er wird mir auch in dieser herausfordernden Phase meines Lebens helfen!

Über das harte Leben mancher Frauen in Albanien

Ich bin eine Frau. Daher sehe ich das Leben hier aus den Augen einer Frau und ich fühle mit dem Herzen einer Frau. Und ich liebe die Frauen hier und es macht mir viel Freude, ihnen das zu zeigen. Schon öfter habe ich hier Geschichten von Frauen erzählt. Von Freundinnen oder flüchtigen Bekannten. Und schon oft habe ich geschrieben, dass ich großen Respekt habe vor ihnen. Wo ich am Anfang immer mal dachte: „Jetzt lass dir doch nicht alles gefallen. Steh doch mal auf für dein Recht!“ - da denke ich jetzt viel öfter: „Was für eine starke Frau das ist. Was sie nicht alles erlitten hat und noch erduldet.“ Damit meine ich nicht unbedingt, dass ich es immer gut und richtig finde, wenn Frauen hier alles möglich hinnehmen. (Zum Beispiel dass der Mann sie schlägt, oder die Kinder, oder dass sie ihn völlig besoffen auf der Straße aufsammelt oder dass der Mann, der im Ausland lebt eben dort eine weitere Frau und Kinder hat…)

Ich will oft aufstehen und vor lauter Ungerechtigkeit laut aufschreien, will diesen Männern mal gewaltig die Meinung sagen, will den Frauen helfen, ihren schlimmen Lebensumständen zu entfliehen… doch die nackte, grausame und ungeschönte Wahrheit ist: Man kann sehr wenig machen!

So traf ich letzte Woche eine junge attraktive Frau, die Schwester meiner Nachbarin. Sie hat zwei Söhne lebt in der Hauptstadt. Von meiner Freundin hatte ich schon gehört, dass sie gewaltige Eheprobleme hat und sich trennen will. Das ist schon ein grober Schritt für eine albanische Frau und ist nur dann möglich, wenn sie Unterstützung von seitens ihrer Familie hat. Ansonsten kann eine Frau (jedenfalls in unserem Kontext) nicht viel machen. Ich nahm mir Zeit für sie und wir fuhren in ein nettes Café etwas außerhalb der Stadt um in Ruhe reden zu können. 

Nach anfänglichen seichteren Themen erzählte sie mir von ihrer Ehe. Ihr Mann lebt in England. Er hat kaum Interesse an ihr und den beiden Söhnen. Natürlich hat auch er eine andere Frau oder Geliebte in England (ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es einem als Frau da gehen muss…). Er beschimpft sie oft. Wenn er da ist, schlägt er sie, auf vor den Kindern. Er überwacht sie eifersüchtig, weiß über seine Familie (bei der sie wohnt) immer Bescheid, wo sie ist. Er teilt in keinster Weise sein Leben mit ihr, erzählt ihr nichts, was er tut, ob er was verdient. Das ist alles seine Sache und geht sie nichts an. Geld sieht sie nicht. Ihr Handy wird von ihm kontrolliert (wie sehr oft von den Männern hier…)

Ich bin sehr traurig, diese Dinge zu hören. Sie hat Tränen in den Augen und fragt mich, was sie denn machen soll. Sie ist zu ihrer Familie gezogen, allerdings ist das auch keine bleibende Lösung. Sie hat sich sogar eine Anwältin genommen, allerdings hat sie Angst, dass diese von ihrem eifersüchtigen Mann und dessen Anwalt eingeschüchtert oder/und bestochen wurde. (Nicht zu wissen, dass der Anwalt, den man bezahlt, auch wirklich für mein recht und gutes Eintritt, das ist schon echt beschissen - aber leider traurige Realität in Albanien.)

Nun will sie von mir wissen, was ich denke, will wissen, ob es ok war, zu gehen. 

Ihre Oma und Tante meinen, sie solle zurück gehen. Das muss man aushalten. (Da ältere Frauen oft selbst sehr viel erlitten und erduldet haben, scheint es mir oft so, als ob es auch nur diesen Weg gibt für sie. Wenn wir das erleiden konnten, dann könnt ihr das auch. - so klingt das jedenfalls oft in meinen Ohren und diese Frauen wirken auf mich sehr erbarmungslos. Haben aber eben auch oft ihre ganz eigene Leidensgeschichte und wurden vom Leben hart gemacht.)

Sie sagen, sie könne doch nicht zulassen, dass die Jungs „auf der großen Straße“ aufwachsen, d.h. ohne festen familären Rahmen, der sie in ihre Grenzen weist. 

Ich sage ihr meine Meinung dazu. Wie ich es auch aus der Bibel verstehe.

Ich weine mit ihr und ich bete für sie. Mehr kann ich nicht tun. 

Am nächsten Tag gebe ich ihr noch eine Karte mit ein paar persönlichen Worten und einem Psalmgebet mit auf den Weg. Und lege diese kostbare, von Gott geliebte Frau in seine Hand. Er wird für ihr Recht sorgen. Er wird eines Tages alles zum Recht bringen. Wird Ungerechtigkeit ausrotten. 

Mein Gebet ist es, dass sie wirklich erlebt, dass Jesus sie liebt, dass sie wertvoll ist, ganz gleich, wie ihr Mann sie behandelt, dass ihr Wert in Gottes Augen liegt, nicht in denen der Welt. Dass er gute Pläne hat mit ihr. 

Das sind meine Gebete für alle Frauen hier und auf der ganzen Welt, die unter solch harten Umständen leben müssen. Ich habe hier hautnah soviel erlebt an Not und Ungerechtigkeit im Leben von Frauen. Aber Gott sieht es auch! Und das beruhigt mich innerlich sehr, dass ich das weiß! 

Bin ich bereit?

Hier sitze ich. Bin ganz da in diesem heiligen Moment. 

Ein Vogel gibt sein Konzert auf einem nahen Baum. Um mich grünt und blüht es. Löwenzahn in seiner gelben Pracht. Bietet sich bereitwillig den eifrigen, pollenbeladenen Bienen dar. Geöffnet steht er da, leuchtend und einladend.

Daneben stehen schon andere, verblüht, jetzt bereit sich völlig dazugeben. 

Ready to be offered. 

Wie wunderschön sie aussehen, leuchtend weiß jetzt, zart und verletzlich die einzelnen Samen mit ihren Schirmen, die sie bald hinweg tragen werden an ihren Bestimmungsort. Warm scheint die Sonne durch sie, macht sie noch so viel schöner. All das Licht, dass sie durchlassen…

Sie sind bereit, sind bereit, loszulassen. Bereit, kahl dazustehen. Ihr ganzes Leben herzugeben. Das eigene Leben aufzugeben, um sich zu multiplizieren. 

Ich liebe diese Blumen, liebe ihren Lauf, ihr Werden, ihr Hingeben.

Bin ich bereit, zu geben, loszulassen, fliegen zu lassen, dem Wind Raum zu geben, wohin er auch trägt? Dem Geist zu erlauben, zuzulassen zu wehen, wo er will?

Und ich sehe die Bienen. Sie fliegen hin und her und scheinen ohne große Absicht und doch hinterlassen sie überall „Leben-Leben-Leben“. Das ist es, denke ich. Das will ich das mein Leben tut. Das will ich hinterlassen, wo auch immer ich bin, mit wem ich auch immer zusammentreffe. Will Leben-Leben-Leben zurücklassen. Durch Gottes Geist und seinem Wirken in Menschen hier und da dieses Leben wecken. Welche Frucht dabei entsteht ist dabei Gottes Sache. 

Das Sein in der Natur schafft in mir so eine tiefe innere Ruhe, ihr Klang, ihre Schönheit, Teil davon zu sein…

Der Löwenzahn wächst überall. Und Gott schenkt auch mir diese Fähigkeit.

Die Biene arbeitet unermüdlich überall. Und Gott schenkt auch mir diese Gnade.

Was auch kommen mag

Es ist kurz vor 6 Uhr morgens. Ich liege im Bett. Neben mir schlafen noch mein ältester und mein jüngster Mann. Ich habe nicht rechtzeitig meine Augen wieder geschlossen, nicht schnell genug meiner Gedankenwelt Einhalt geboten, diesen nicht enden wollenden Gedanken, die wie ein Film in meinem Kopf vor mir vorbeiziehen. Habe nicht schnell genug stop gesagt. Stattdessen den Start Button gedrückt, zwar nicht wirklich willentlich, aber wann fragen Gedanken schon, ob sie willkommen sind…

So liege ich da. Und ich denke mal wieder an unseren Abschied hier. Ich denke daran, wie es sein wird, in Deutschland zu sein, ohne Ticket zurück nach Albanien. Wie es sein wird, diese Wohnung leer zu sehen, die doch jetzt noch bis in den letzten Winkel so voller Leben und Uns steckt. So viele Erinnerungen kommen in mir hoch, so viele schöne Momente. Die schweren, die sind in den letzten Monaten eher in den Hintergrund getreten und mein Leben hier erscheint mir im Moment so gut. Das macht es meinem Herzen natürlich viel schwerer. 

Ich sehe den großen Maulbeerbaum vom Fenster aus. Ich lausche den vertrauten Geräuschen des Windes, dem Rattern der Regenrinne. Ich denke an den Frühling, ich denke an meine beiden lieben Freundinnen direkt in der Nachbarschaft. Dieses Leben miteinander. Diese Zeit, in der wir unsere Kinder gemeinsam großgezogen haben (oder noch dabei sind). Ich denke an das Team, an all die lustigen Fahrten in den Kosovo (die im Moment nicht möglich sind), wenn uns in Krume mal wieder die Decke auf den Kopf gefallen ist. Wie viel Spaß hatten wir. Wie kostbar sind und waren mir meine Teamkolleginnen. Ohne sie hätte ich es sicher nicht lange hier ausgehalten…

Ja, unser Leben hier. Es war und ist so voller Einfachheit, voller Leben und Menschlichkeit. Und ich liebe mein Leben hier. Genau so wollte ich leben im Ausland. Einfach mit den Menschen. Einfach ihnen im Alltäglichen Jesus bringen. Ihn vorleben. Liebe und Anteilnahme und Wertschätzung und Vertrauen geben. 

Ich schaue durch den Spalt der Gardine. Es wird schon hell. Ich bin hellwach. Noch vor Henry. Das ist eine Seltenheit. Dieser kleine Junge liegt neben mir. Dieses wunderschöne Gesicht. Wie viel Freude und Lebenskraft er schon unseren alten Nachbarn geschenkt hat. Ich sehe ihn zwischen ihnen laufen, vom Feld kommend, strahlend in seinen bunten Gummistiefeln. 

Mein Herz ist schwer. Bei manchen Erinnerungen schnürt es sich zusammen. All das soll bald vorbei sein. Mein albanisches Leben vorbei. Mein geliebtes Leben in der Außenmission, erstmal vorbei.

Wie wird es werden, wenn wir zurück sind? Wie wird es mir dann gehen? Und wie meinen Kindern? Begreifen sie eigentlich, was da auf sie zukommt?

Später sitze ich an meinem kleinen Schreibtisch. Diesen Platz werde ich mir in Deutschland genau so gestalten und mir damit meinen vertrauten Ort schaffen…

Ich schlage meine Bibel auf. Ich bin gerade im Lukasevangelium.

Hier treten mir Jesu Worte stark hervor und es ist wieder so ein Moment, in dem Gott direkt zu mir spricht. (Lukas 21,14 Elberfelder Übersetzung)

„Setzt es nun fest in euren Herzen, nicht vorher darauf zu sinnen, wie ihr euch verantworten sollt! Denn ich werde euch Mund und Weisheit geben.“

Nun, das sagt Jesus zu seinen Jüngern, als er über die Endzeit redet. Eigentlich ist das im Moment nicht wirklich für mich aktuell. Und doch irgendwie. Ich habe diese Worte so für mich umformuliert: 

Setz es nun fest in deinem Herzen, nicht vorher deinen Gedanken freien Lauf zu lassen, was und wie noch alles kommen wird. Denn ich werde dir helfen und mit Weisheit ausstatten. Ich werde dir alles bereitstellen genau zu der Zeit und Stunde, in der du es brauchst. 

Das sind nun keine Lehren, die ich selbst aufstelle, sondern sie entsprechen zutiefst dem ganzen Zeugnis der Bibel, von vorne bis hinten. Und ich würde zu gerne all die Verse aufschreiben, die mir einfallen. Alle Zusagen und Verheißungen Gottes. Und vielleicht die bekannteste Stelle über sorgenvolle Gedanken sagt es so deutlich:

Sorgt euch nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Jeder Tag hat an seiner Last genug. 

Da sind wir wieder bei dem über allem stehenden Thema - Vertrauen. Vertraue ich Jesus so sehr, dass ich meine so geliebte Kontrolle über mein Leben (die ich ja nie wirklich besitze) an ihn abgeben kann? Dass ich wie ein kleines Kind im Heute lebe?

Ann Voskamp beschreibt es in ihrem Buch „Tausend Geschenke“ so:

„Ich soll dem Sohn Gottes und seiner Weisheit vertrauen, in jedem Augenblick, im hier und jetzt. Vertrauen ist ein Werk, vertrauensvolle Liebe ist eine Aufgabe, die ich gezielt und bewusst ausüben soll. Oft will ich die erforderliche Energie dafür nicht aufbringen. Stress und Angst scheinen mich weniger Kraft zu kosten. Es ist einfacher, meinem Verstand mit all seinen Sorgen freien Lauf zu lassen, als Disziplin anzuwenden, ihm die Zügel anzulegen, die Scheuklappen aufzusetzen und ihm beizubringen, in sicherer Gewissheit weiterzugehen, egal, welche Schreckensgespenster am Horizont auftauchen. Sind Stress und Sorgen Symptome einer Seele, die zu träge und undiszipliniert ist, um ihren Blick auf Gott gerichtet zu halten, um in der Liebe mit ihm zu leben?“ (S.168)

So will ich versuchen, am nächsten Morgen, den ich wach liege, nicht Gedanken über was wird wohl werden, was wird wohl nicht mehr sein, wie werde ich es alles „überleben“, solchen Gedanken (die viel zu schnell Sorgen werden und dann Stress hervorbringen)  Einhalt zu Gebieten im Namen Jesu. Er wird sich kümmern und er wird zur rechten Zeit das rechte geben. Ganz sicher. Heute und jetzt bin ich nur aufgefordert, ihm mit meinem hier und jetzt zu vertrauen. Das ist so schön und befreiend!

Wir haben ein Haus gekauft und was ich dazu denke

Nie hätte ich gedacht, dass wir ein Haus kaufen werden.(*kleiner Hinweis: Das Haus im Beitragsbild ist nicht unseres.) Es waren mehrere Gründe, die mich innerlich abhielten, überhaupt daran zu denken. 

Zum einen natürlich die aktuellen Preise von Immobilien. Die gehen teilweise so ins (für uns) utopische, dass ich es schlicht für unmöglich hielt, dass wir uns das je leisten können. Noch dazu find ich es schön, schuldenfrei zu sein. Und auch ungebunden. Nicht festgehalten durch eine Sache. Flexibel und frei. 

Nun, das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite hatte ich, wie wahrscheinlich fast jeder, schon immer auch den Wunsch gehabt, mal etwas eigenes zu haben, irgendwo Wurzeln zu schlagen und anzukommen. Nicht zuletzt wünsche ich das meinen Kindern. 

Es kam dann der Tag, an dem wir die Entscheidung, die ich in meinem Herzen immer gefürchtet hatte, wirklich trafen. Nach knapp acht Jahren in Krume geht es zurück. Zurück in ein Land, dass uns teils fremd geworden ist und welches durch Corona wohl kaum wieder zu erkennen ist.  Unser Deutschland, das wir vor acht Jahren verlassen haben, hat sich ordentlich verändert.

Doch vor kurzem hatte ich den Eindruck, als ob Gott mir sagt: Rahel, Deutschland ist nicht eine unbekannte, furchteinflößende Fremde, sondern eine altbekannte Freundin, die du nur wieder neu kennenlernen musst. Nun, dieser Gedanke hilft mir seither und weckt in mir fast etwas Freude auf das erneute kennenlernen.

Genau in der Zeit, in der wir die Entscheidung trafen, bekamen wir ein Haus angeboten. Zuerst taten wir es ab. Doch dann schauten wir etwas genauer hin. Und als wir den Preis hörten, schauten wir noch genauer hin. Und was sollen wir sagen? So vieles passt. Es passt einfach zu uns. Dass es alt ist, dass es einen großen Garten hat, dass wir es selbst noch gestalten können von innen, dass es eine große Wohn- Essküche hat mit Platz für viele viele Gäste. Dass es zentral liegt, dass es in dem Ort viele Albaner gibt, dass es dort eine Gemeinde gibt, die wir kennen … und dass es für uns bezahlbar ist. Ja, es wird noch sehr viel Arbeit kosten, bis wir dort dann irgendwann einziehen können. Aber wir sind zuversichtlich.

Ich hatte selten bei so einer großen Entscheidung so einen Frieden im Herzen. Allein Frieden im Herzen ist nicht alles, aber wenn man eng mit Gott lebt, dann ist das für mich schon ein guter Gradmesser. Und wir empfinden es wirklich als ein Geschenk von Gott in einer Zeit wie dieser. Keine Belohnung (wie manche Freunde hier sagen: „Ihr habt hier so viel gutes getan und gegeben, jetzt gibt es euch Gott zurück“) sondern einfach unverdiente Gnade Gottes.

Als wir noch in den Überlegungen standen, ob ein Haus kaufen ja oder nein, las ich das Buch „Tochter Gottes, erobere die Welt“ von Inka Hammond. Ein Abschnitt sprach direkt zu mir und mir aus dem Herzen:

Meine Freundin ist vor kurzem mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in ein schönes, neues Zuhause gezogen. Vorher lebten sie in einer sehr kleinen Wohnung und sie freuten sich riesig über den großen Garten, die vielen Zimmer und den zusätzlichen Platz. Als meine Freundin ihr Haus einräumte und dekorierte, sprach der heilige Geist zu ihrem Herzen: „Mach es dir nicht allzu gemütlich.“ Für sie war das eine Erinnerung daran, dass sie ihr Herz nicht an dieses Haus hängen soll. Ja, sie darf es genießen und als Geschenk Gottes annehmen. Aber gleichzeitig will sie sich nicht zu sehr daran festklammern, denn sie will bereit sein, weiterzugehen und loszulassen, wenn Gott sie ruft. 

Als sie mir davon erzählte, hat mich das tief berührt. So schnell hängen wir unser Herz an irdische Dinge und tun uns dann schwer, wenn die Zeit zum loslassen gekommen ist. Diese Welt ist nicht unsere Heimat. Wir sind hier nur auf der Durchreise. Die innere Bereitschaft, jederzeit auf das Wasser zu gehen, wurzelt in unseren offenen Händen. Sobald wir etwas zu fest umklammern, wird es schnell eine Last, ein Klotz am Bein und hält uns davon ab, flexibel und unkompliziert dem Ruf Jesu zu folgen. Es ist ein Balanceakt, wo die goldene Mitte immer wieder neu gefunden werden muss. 

Das Haus meiner Freundin ist mittlerweile fertig dekoriert und eingerichtet und es ist ein Hafen der Geborgenheit für ihre Familie und für Gäste. Und trotzdem weiß sie: Wenn Jesus ruft, ist sie bereit, alles wieder in Boxen zu packen und dem nachzugehen, den sie über alles liebt.“ (S. 78)

Genau diese Einstellung möchte ich auch haben. Sie hilft mir, nicht Angst davor zu haben, völlig gebunden zu sein und nicht mehr Jesu Ruf folgen zu können.

Aber ich weiß auch, dass es für meine Familie wichtig ist nach 8 Jahren im Ausland, einen Ort zu haben, wo wir ankommen können. Und dafür bin ich Gott so dankbar. Er hat uns etwas geschenkt, was wir gar nicht gesucht haben, für was wir nicht mal gebetet haben. Er weiß genau was wir brauchen und er wollte uns diese Last abnehmen. 

Wir wollen dieses Haus haben zur Ehre Gottes! Es gehört nicht uns, sondern ihm! Und wir sind gespannt, was Gott damit und mit uns vorhat.

Wie geht es dir, wenn du diese Zeilen liest? Ist das für dich eine Herausforderung, deine Hände offen zu halten? Dinge loszulassen, um bereit zu sein, wenn Jesus ruft?

Emotional müde

Der folgende Artikel stammt von Alex, unserer Teamkollegin. Sie schreibt auch auf ihrem eigenen Blog. alex4alb.wordpress.com. Schau doch mal rein.


Es ist Freitag Abend und ich bin einfach müde von der Woche. Körperlich und emotional müde. Diese Woche war wieder sehr viel los. Am Montag war ich dran mit Vorbereiten für unser Teamtreffen. Wir waren bei Philipper 4. Darüber habe ich mich gefreut. Besonders über 4,4: „Freut euch im Herrn.“ Dann bekam ich die Nachricht, dass eine meiner engen Freundinnen hier Darmkrebs hat. Zwar noch ohne Metastasen, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Medizin, die es in Albanien gibt ausreichen wird, dass sie es schafft. Der Satz „Freut euch im Herrn“ hat an diesem Tag eine andere Bedeutung für mich bekommen. Dass meine Freude nicht ein Gefühl in bestimmten Umständen ist, sondern sie vom Heiligen Geist kommt, der mich über meinen großen und guten Gott staunen lässt. 

In der Praxis hatten wir diese Woche einige neue Patienten. Unter anderem ein 3-jähriges Mädchen, das ein genetisches Syndrom hat und schwerst behindert ist. Wir werden ab jetzt mehrmals die Woche Therapie mit ihr machen. Ob wir dabei Fortschritte sehen werden oder nicht liegt in Gottes Hand. Dann wurde ich zu einer Schlaganfallpatientin nach Hause gerufen. Sie ist sehr aggressiv, schlägt nach uns, beschimpft uns als kriminell. Auf mein Drängen hin verschreibt der Arzt endlich entsprechende Medikamente, die hoffentlich das Leben für die Verwandten, die sie Tag und Nacht pflegen, leichter machen. Auch bei dieser Patientin weiß ich nicht, wie viele Fortschritte wir mit der Therapie erreichen werden. Nach längerer Zeit fuhren wir wieder zu meiner MS-Patientin ins Dorf. Sie hat in den letzten Wochen weiter abgenommen und sieht sehr schlecht aus. Beim letzten Besuch konnte sie noch „mire“, das bedeutet „gut“ sagen, aber dieses Mal ist das einzige, was sie kann zu lachen und den Kopf zu drehen. Ich werde weiter für sie um ganzheitliche Heilung beten, egal, wie es menschlich und medizinisch gesehen aussieht.

Dann machten wir dieses Woche einen Trauerbesuch. Die Mutter einer Bekannten war im recht jungen Alter innerhalb von 4 Monaten gestorben. Sie hatte Bauchprobleme, wurde dann an der Galle operiert und dabei war aufgefallen, dass der ganze Bauch voller Krebs war. Und es war zu spät. Was kann man dieser Frau sagen, die immer noch täglich betet, dass Gott ihrer Mutter doch bitte gnädig ist und sie annimmt? 

Diese Woche hat Danny das Bad bei der alten armen Frau installiert. Darüber habe ich mich so gefreut. Aber Kommentare von den Nachbarn, wieso wir das denn machen, weil sie ja eh schon so alt ist, machen mich traurig und wütend. Besonders weil diese Nachbarn ein Bad direkt nebenan haben, es aber nicht mit der alten Frau teilen wollen. Wie kann ein Mensch denken, dass alte Menschen weniger wert sind? 

Im Frauentreffen erzählte uns eine Freundin, dass ihr Mann am vorherigen Abend ihre Kinder so sehr geschlagen hat, dass sie mit ihnen zur Polizei gegangen ist. Vor dem Präsidium hat sie dann aber der Mut verlassen, weil sie weiß, dass die Polizei hier eh nichts machen kann. Eine andere Freundin darf nicht mit auf unseren geplanten Ausflug, weil ihr Mann es ihr nicht erlaubt. Im letzten Jahr war ihr Sohn noch zuhause und hatte sich für sie eingesetzt, aber der lebt inzwischen illegal in England. Sie hat sich entschieden, dass sie sich lieber duckt und Opfer bringt, damit es zuhause friedlich ist, sagt sie uns unter Tränen. Gestern hatte ihr Mann getrunken und sie ist ihm aus dem Weg gegangen, bis er geschlafen hat, damit es keinen Stress gibt zuhause. „Hier ist es normal, dass der Großteil der Männer ihre Frauen schlagen.“ erklären die Frauen mir. Ja, das weiß ich. Aber trotzdem ist es nicht normal und falsch. 

Und trotz all dieser Dingen: Ich liebe es hier zu sein und weiß, dass genau das grad richtig für mich ist. Aber auch ich bin nur ein Mensch. Ich bin Gott so dankbar, dass ich alles auf ihn werfen kann und er mir die Lasten abnimmt. Das erlebe ich und ohne ihn würde ich manchmal „untergehen“. Aber trotzdem gibt es auch Tage an denen mir einfach all diese Dinge zu viel sind. Und ich das alles einfach nicht mehr hören kann und möchte. Gerade dann fühle ich, wie abhängig ich von Gott bin und wie sehr ich das übernatürliche Wirken von seinem guten Geist brauche. 

Gott sagt in 2.Korinther 12,9: „Meine Gnade ist alles, was du brauchst, denn meine Kraft kommt gerade in der Schwachheit zur vollen Auswirkung.“ Ja, Vater, ich brauche deine Gnade. Wir brauchen sie alle. Jeden Tag neu.

Das verschwundene Vögelchen

Vor Jahren schon hatte ich mir mit meiner Mama zusammen in Deutschland Ohrringe gekauft. Es waren ganz besondere Ohrringe für mich. Nicht nur, weil sie von meiner Mama waren, sondern auch weil sie besonders schön waren. In einem Ring sitzt ein kleiner Vogel. Wer mich kennt weiß, dass ich Vögel liebe. Ihr Zwitschern, ihr ausgelassenes herumhüpfen im Frühling, die Freiheit die sie mir vermitteln, wenn ich sie durch die Luft fliegen sehe, und nicht zuletzt hat mir Jesus selbst diese Tierchen lieb gemacht, als er sie hernahm, um uns eine Lektion zum Thema Sorgen machen lehrte. 

„Seht die Vögel des Himmels an! Sie säen nicht und ernten nicht, sie sammeln auch nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Wer aber von euch kann durch sein Sorgen zu seiner Lebenslänge eine einzige Elle hinzusetzen?“ (Matthäus 6,26-27)

Nun hatte ich diese Ohrringe und ich trug sie immer an den Tagen, an denen ich mich besonders an Gottes Fürsorge erinnern musste. Ich trug sie oft!

Dann hatten wir im letzten Jahr einen Einsatz in einem abgelegenen Dorf gehabt. Dort oben haben wir auch gecampt, was sehr schön und abenteuerlich war. Doch leider ging mir der oben irgendwie einer der Vogel Ohrringe verloren. Ich hatte geduscht und danach konnte und konnte ich den einen nicht finden. Ich war sehr traurig darüber, fand mich dann aber doch mit dieser Tatsache ab, dass ich sie nicht mehr tragen kann, da einer fehlte…

Monate vergingen. Es war ein voller und nicht ganz leichter Tag gewesen. Ich war müde und etwas abgekämpft. Ich sehnte mich nach Gottes Zuspruch und seiner Hilfe. So ging ich am Abend hoch zum Trockner um die Wäsche rauszuholen. 

Da piekste mich etwas. Ich schaute nach, was es wohl ist und was hab ich in meinen Händen? Der verlorene Vogel Ohrring von damals. Ziemlich mitgenommen und nicht mehr unbedingt geeignet zum anziehen, aber doch hat mein Herz einen Sprung gemacht. Verflogen war die Müdigkeit und Mutlosigkeit! Hier hatte Gott klar gesprochen. Wo war dieser Ohrring gewesen? Wie kommt er nun in den Trockner und warum finde ich ihn da erst Monate später? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass Gott genau in diesem Augenblick wollte, dass ich ihn finde, dass er mich anstachelt und spürbar erinnert, dass Er für mich und uns alle sorgt, mich liebt und voller Fürsorge sich um uns kümmert. 

Hätte ich diesen Ohrring damals nicht verloren, hätte ich nicht auch den Schmerz des Verlustes gespürt, so hätte ich nicht diesen überaus beglückenden Augenblick dort oben auf dem Dachboden inmitten von Wäschebergen erlebt. Dieses klare Reden Gottes in mein Herz hinein, diese Erinnerung an ihn und seine Hilfe und seine Gegenwart. Denn es war für mich ein Wunder, diesen Ohrring wieder zu haben. 

Er ist nun nicht mehr wirklich zum tragen zu gebrauchen, aber ich habe die Ohrringe jetzt an meinem Schreibtisch in Sichtweise hängen und sie erinnern mich nun jeden Tag wieder an dieses Geheimnis der Versorgung Gottes. 

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Wenn du nicht geschminkt bist...

Gestern Abend war ich echt nahe der Tränen. Wir hatten Teamtreffen und danach ging ich ins Schlafzimmer um meine “Matzratzenwärmauflage“ (was für eine tolle Erfindung) anzuschalten, da lagen zwei DIN A5 Briefchen auf unseren Kissen. 

Da hat es unser großer echt geschafft, völlig ohne unser Wissen, Briefe zu schreiben und hat sie dann noch heimlich am Abend in unser Zimmer gelegt. Allein das hat mich schon echt berührt und bewegt. 

Fein säuberlich (denn das ist für unseren kleinen Perfektionisten sehr wichtig) mit gezogenen Zeilen, und Datum rechts oben, schrieb er einen Liebesbrief für seine Mama und einen für seinen Papa. 

Das macht er immer mal wieder, auch für andere im Team. Dabei zählt er auf, warum er eine Person gerne mag. Nun, bei mir startete er, dass er mir danke, dass ich immer die „eklige Wäsche“ wasche. Schön, wenn ein Kind das bemerkt…

Und dann schreibt er:

„Du bist die beste Frau der ganzen weiten weiten Welt. Und du bist die allerschönste Frau der ganzen Welt.“

Meine große Tochter erklärte mir dann später, dass ja jedes Kind seine Eltern am schönsten und tollsten findet. Nun, da hat sie recht und doch freut man sich natürlich, wenn der große Junge einem das schreibt.

Doch der letzte Satz, der bewegte mich am meisten.

„Du bist schöner wenn du nicht geschminkt bist, ich mag dich so wie du bist.

Ich glaube, damit wollte er nicht sagen, das meine Schminkkunst miserabel ist. 😉

Aber er mag mich so, wie ich bin. So findet er mich am schönsten. Wenn er sich morgens zu mir kuschelt und ich zerzauste Haare habe, mein Gesicht zerknittert ist und meine Augen noch voller Schlaf. Aber meine Arme offen, mein Bett warm und mein Herz bereit, auf ihn zu hören, ihn völlig wahrzunehmen. 

Es erinnert mich auch an die Liebe Gottes! Er liebt uns, wenn wir ungeschminkt sind. Wenn wir Fehler machen, wenn wir untreu sind und versagen, wenn wir alles andere als gut drauf sind. Er kennt uns durch und durch und vor ihm müssen wir uns nicht „schöner“ machen, als wir in seinen Augen sowieso schon sind. Oh, er liebt uns ungeschminkt und völlig nur unser ich, wie wir sind. Was für eine wundervolle Wahrheit!

Photo by freestocks on Unsplash

Wüstenzeiten

Seit zwei Tagen sind wir in Quarantäne. Wir sind von unserer Stadt weg, da wir unsere alten Nachbarn von unten so wenig wie möglich gefährden wollen. So sind wir fast alle im Team angeschlagen, und wenn auch nur Danny positiv getestet wurde, gehen wir davon aus, dass wir alle positiv sind. Wir sind müde und abgeschlagen. Die Kinder sind recht lebhaft und die Nächte schlecht und kurz, mal wieder. Irgendwie liegen die Nerven blank. Emotional und körperlich irgendwie eine anstrengende Zeit. 

Gestern hab ich mit Gideon einen langen Spaziergang am Meer gemacht. Im Sommer waren wir schon mal hier und alles war schön und hell und warm und aufgeräumt und grün und lebendig. Jetzt gleicht die Landschaft eher einer Wüste, das Meer ist aufgebraust und gar nicht schön blau, der Strand ist dreckig, die Schirme liegen halb kaputt herum, vieles steht wegen des anhaltenden starken Regens unter Wasser. Als ich so durch diese öde Landschaft lief, da dachte ich, ja, diese Landschaft spiegelt gerade mein Inneres wider. Irgendwie fühle ich mich innerlich karg und wenig lebendig. Habe ich grad mit einigem zu kämpfen, fühle ich mich etwas trostlos. 

Es tat mir gut, durch diese Landschaft zu gehen. Und ich schaute bewusst. Auf die kleinen Dinge, wie kleine Schnecken, die da zuhauf lagen. Oder den wunderschönen Krebs oder den bunten Ball, der sich stark von den anderen Farben abhob. Und ich machte Bilder davon. Ich beugte mich tief und sah die schönen, dürren, leblosen Gräser von unten, sah den Himmel, sah die Weite. Sah irgendwie auch Licht. 

„Siehe, ich werde sie locken und sie in die Wüste führen und ihr zu Herzen reden…“ (Hosea 2,16)

Die Wahrheit hinter der glänzenden Fassade

Ich weiß nicht, ob du unsere Gebetskarte irgendwo hängen hast. Ich mag dieses Bild von unserer Familie sehr. Wir sehen alle so glücklich und harmonisch aus. Ich schau mich an und denke: was für eine nette Mutter das ist. Sie strahlt so, wirkt so voller Leben, voller Freude und Energie. Die Kinder sehen so süß und brav aus, wie sie da in Papas Armen sind. 

Man kann fast jedes unserer Familienfotos hernehmen und den Eindruck bekommen: wow, was für eine nette Familie, wie „perfekt“ sie doch aussieht.

Ich weiß nicht, ob du das schon mal gedacht hast. Ich ertappe mich schon hin und wieder bei solchen Gedanken, wenn ich Ausschnitte aus dem Leben anderer sehe. Was für anständige Kinder das sind, was für ein fürsorglicher Vater, was für eine sanfte und verständnisvolle Mutter… und dann schaue ich auf mich und bekomme die Krise. Wieviel bekomme ich nicht hin. Wie oft muss ich meine Kinder ermahnen. Wie viele Male am Tag bin ich genervt und am Ende meiner Weisheit. Bin verzagt und weiß beim besten Willen nicht, wie ich allen Bedürfnissen gerecht werden soll. Wie oft will ich mich einfach verziehen und für mich sein. Wie oft kommt der Gedanke, dass ich eine miserable Mutter bin. Und ich doch eigentlich so und so sein will. Und doch das und das machen will. Und dies und das versäumt habe und nicht mehr nachholen kann. Wie oft bin ich entmutigt. Will ich aufgeben. 

Hättest du das hinter dem strahlenden Lächeln vermutet? Hast du vielleicht gedacht: die Rahel, die scheint alles perfekt im Griff zu haben. Und sie hat sogar noch Zeit zum Schreiben…

Hier und jetzt möchte ich dir sagen: es stimmt nicht. Ich habe nichts im Griff. Ich bin zur Zeit sogar ziemlich am Ende mit allem möglichen. Am Ende meiner Weisheit und Kraft und meiner Freude, Mutter zu sein. Manchmal will ich einfach nur wegrennen. Will dem Lärm und Chaos entfliehen. Bin ich immer noch nicht in der Realität angekommen, das vier Kinder eben das mit sich bringen und es normal ist. Ich will das aber so oft nicht wahrhaben und sträube mich dagegen. Und das macht mich unzufrieden. Mit meinen Kindern und meinem Mann und v.a. auch mit mir selber. Weil ich es nicht schaffe, ruhig zu bleiben, ausgeglichen, der Fels in der Brandung, der Ruhepol der Familie. Das will ich so gerne sein und das muss man als Mutter doch auch sein, oder? Da ist wieder diese unerfüllte Erwartung, die ich an mich habe und die mir noch mehr meinen Frieden raubt. 

Wie geht es dir? Ich denke oft, ich bin die einzige Versagerin, der es so geht. So fühle ich mich oft. Aber ich weiß, dass es wohl anderen auch so geht. Aber wir trauen uns so oft nicht, es zu sagen. Viel lieber zeige ich jedem das schöne Familienbild, auf dem alle so lieb schauen und alles so leicht und voller Freude aussieht.

Doch so ist das Leben fernab von diesen einmaligen Schnappschüssen nicht. Das Leben ist anders. Es ist wild und chaotisch, traurig und doch voller überschäumender Freude zugleich, es ist voller Enttäuschungen und Rückschlägen, Tränen und Leid, ja aber auch immer wieder voller kleiner und großer Erfolge und Siege. Und das beste ist: Jesus ist mittendrin! Oh, was wäre nur, wenn er das nicht wäre. So will ich ihm immer wieder mein leeres und doch schweres Herz hinhalten und: oh Herr, fülle du es mit allem, was ich so dringend brauche. Doch vor allem mit deiner Gegenwart! 

Vom Minimalismus, engen Wohnungen und der Freude an Schönheit

Zu Weihnachten habe ich ein schönes Buch geschenkt bekommen. „Mein zuhause zum Aufatmen“ heißt es und darin geht es darum, eine gemütliche Minimalistin zu werden. Es geht darum, den eigenen Stil zu finden, schöne Räume zugestalten, Kram loszuwerden, Ruhe Oasen zu schaffen und zu lernen, wie man das Beste aus einem individuellen Raum macht, welcher es auch immer sein mag.

Manchmal fühle ich mich schon komisch, so etwas hier in Albanien zu lesen und mich damit zu beschäftigen. Manchmal habe ich sogar kurzzeitig ein schlechtes  Gewissen. Wie kann ich mich bei so vielen Nöten um mich herum nur mit so etwas Trivialem beschäftigen? Doch da es mir gut tut und es eine gute Ablenkung eben von all dem ist, was an Not ständig auf mich einprasselt, gönne ich mir Momente, mich mit „nicht gerade dem wichtigsten“ zu beschäftigen. Und doch ist es ja auch ganz unwichtig. Wir haben immer wieder viel Besuch gehabt die letzten Jahre und es ist mir sehr wichtig, dass sich Menschen bei uns zuhause und in unserer Familie „sauwohl“ fühlen (wie man bei uns im Frankenwald sagt…) 

Bei den allermeisten Albanern hier geht es allerdings nicht unbedingt darum, wie sie ihr zuhause gemütlich und minimalistisch einrichten können. Kaum einer beschäftigt sich mit so etwas. Viele sind Minimalisten. Aber nicht, weil sie sich dafür entschieden hätten, sondern weil sie schlichtweg keinen Kram besitzen, der ihnen alles voll stellen könnte und den sie loswerden müssten. Und falls sie doch einiges haben, dann ist es so gut versteckt, dass es keine neidischen Blicke auf sich zieht. Das Gegenteil ist aber auch manchmal der Fall, nämlich dass man seinen Reichtum extra  zur Schau stellt.

Der Stil ist hier auch sehr anders als unserer, obwohl er sich so langsam verändert. Als wir hierher kamen, da war noch in den meisten Zimmern die komplette Wand um das Fenster mit Vorhang zugehängt. Die Leiste ganz oben und über die Länge der Wand gezogen. Ich fand es höchst unvorteilhaft und oft erdrückend und einengend. Auch kam dadurch so gut wie kein natürliches Licht in den ohnehin schon dunklen Raum. (Wie kann man nur mit so wenig Tageslicht leben? Das ist für mich eines der wichtigsten Dinge in der Wohnung: Licht!) 

Nun ja, seit ungefähr vier Jahren hat sich hier im Ort dann immer mehr die Gardinenstange durchgesetzt. Es war schon fast revolutionär, als meine Freundin sich bei ihrem Mann durchsetzte und ihn tatsächlich dazu brachte, Halterungen in die Wand zu bohren für dieses neumodische Ding. 

Seither hat dieser Trend doch breite Kreise gezogen und immer mehr Haushalte haben auf Gardinenstange umgestellt. 

In unserer kleinen Wohnung allerdings herrscht mein Stil vor. Es ist für mich sehr wichtig, dass ich mich hier in der “Fremde“ in meinem Zuhause wohl fühle. Viel natürliches Licht, kleine Lampen am Abend die gemütliche Atmosphäre verbreiten, Bilder der Kinder an den Wänden, Bücherregale, viele Pflanzen usw. 

Etwas, was wir allerdings mit den meisten albanischen Haushalten hier teilen, ist die Enge, ist die kleine Größe der Wohnung (oder wie man das sagt…). Allein dieser Fakt zwingt mich, minimalistisch zu sein und zu bleiben. 

Dieses Buch nun, das ich lese, geht wohl eher davon aus, dass jeder ein Haus besitzt und nicht weiß, was zu tun mit all dem Platz. Für was möchtest du den Raum nutzen, war eine Frage. Nun, unser 4x4 m2 Schlafzimmer wird zum schlafen, zum arbeiten, zum spielen und als Wohnzimmer genutzt, da es neben der kleinen Küche der einzige „Gemeinschaftsraum“ ist (naja, eigentlich ist es primär unser Schlafzimmer…). Da ist dann nur noch das gleich große Kinderzimmer, das vier Kindern Platz zum schlafen und spielen gibt, allerdings im Winter nicht immer ganz warm ist…

Diese großen Unterschiede der Lebensweise hindern mich allerdings nicht, mich an dem Buch zu freuen (die Autorin ist übrigens auch gläubig:) und mich dennoch inspirieren zu lassen. Es ist auch eine schöne Herausforderung, als 6-köpfige Familie so eng zu leben und es zu einem schönen und praktischen Lebensraum für alle zu machen. Und es ist erstaunlich, wie man doch immer wieder Dinge verändern kann und neu gestalten kann, wenn man Mut und ein Ja zur Veränderung hat.

Und es ist gut, da ich, wenn ein Raum mir zu laut wird (d.h. wenn sich zu viel ansammelt, es zu unordentlich wird, man keinen Platz mehr findet …) automatisch beginne, auszuräumen, wegzugeben, auszusortieren. Das bringt es mit sich, wenn man einfach keinen Platz hat für Krempel… 😉 Immer wieder packt es mich deshalb und ich versuche, mit so wenig auszukommen, wie möglich, klar zu sortieren, und mir auch Gedanken zu machen, wem ich was schenken könnte. 

Ich merke, wie meine Augen aus sind nach Schönheit. Irgendwie hat Gott mich so gemacht. Irgendwie denke ich, hat Gott uns alle so gemacht. Die ultimative Schönheit zu sehen, das ist Jesus, seine Herrlichkeit und Schönheit, ach, wenn ich die doch nur immer so vor Augen hätte wie meine schöne neue Deko, an der ich mich so freue… alles ist letztendlich ja der Abglanz seiner Schönheit, alles, was hier auf Erden ist. 

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Trust - ein wunderschönes, unbekanntes Lied

Gerade höre ich gerne auf Spotify die playlist „missed hits“, also eine Liste von Liedern, die Spotify meint, dass sie mir gefallen, ich sie aber während des Jahres 2020 nicht gehört habe. Und tatsächlich finden sich da nicht wenige Lieder, die ich wirklich sehr schön finde und über die ich mich aber auch noch 2021 freue. 🙂

Ein Lied stach mir da die letzten Tage besonders heraus. Der einfache Titel „Trust“ von einem mir unbekannten Künstler namens Joe Zambon. Ich wollte nun gerne die Lyrics nachlesen und habe gegoogelt. Doch nun stellt euch vor, ich habe sie nicht gefunden. Es scheint sie tatsächlich nicht im World Wide Web zu geben, unglaublich.

So habe ich mir die Arbeit gemacht sie aufzuschreiben, für alle, die sie gerne wollen. 

Das Lied ist wirklich wunderschön in seiner Melodie, der Stimme und besonders auch dem Text. Scrolle nach unten um weiterzulesen. Sorry, der Player ist ein wenig groß. 😉

Als ich anfing, den Text aufzuschreiben, fiel mir gleich auf, das er mir bekannt vorkam. Schon vor Jahrzehnten prägten sich diese Worte in mein junges Herz ein, Worte von Teresa von Avila, weltbekannt:

Nichts soll dich beunruhigen
Nichts dich erschrecken
Alles vergeht

Gott ändert sich nicht
Geduld
Erlangt alles

Wer Gott hat
Dem fehlt nichts
Gott nur genügt

Und nun der Text in Englisch. Ihr werdet die Ähnlichkeit sicher merken:

Let nothing disturb you
And nothing frighten you
For all things are passing away
But God alone never changes
And God alone never changes

Patience obtains all things
Whoever has God
They lack nothing
Cause God alone survices
And God alone survices

So why do I worry
Why do I not trust you
Oh child why hurry
When you have a father who provides
And never withholds his whole heart

Oh why do I worry
And why do I not trust you
Oh Child why hurry
When you have a father who provides
And never withholds his whole heart

For God alone never changes
For God alone survices
And God alone remain faithful
And God alone never changes

So why do I worry?

Nichts beunruhige dich
Und nichts ängstige dich
Weil alle Dinge vergehen
Aber Gott allein verändert sich nie

Geduld erhält alle Dinge
Wer Gott hat
Denen wird kein Gutes mangeln
Weil Gott allein überlebt

Warum sorge ich mich also?
Warum vertraue ich dir nicht?
Oh Kind, warum so eilig?
Wenn du einen Vater hast der für dich sorgt
Und dir nie sein ganzes Herz vorenthält

Weil Gott allein verändert sich nie
Weil Gott allein überlebt
Weil Gott allein treu bleibt
Und Gott allein sich nie verändert

Also: warum sorgst du dich?)

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