Über das harte Leben mancher Frauen in Albanien

Ich bin eine Frau. Daher sehe ich das Leben hier aus den Augen einer Frau und ich fühle mit dem Herzen einer Frau. Und ich liebe die Frauen hier und es macht mir viel Freude, ihnen das zu zeigen. Schon öfter habe ich hier Geschichten von Frauen erzählt. Von Freundinnen oder flüchtigen Bekannten. Und schon oft habe ich geschrieben, dass ich großen Respekt habe vor ihnen. Wo ich am Anfang immer mal dachte: „Jetzt lass dir doch nicht alles gefallen. Steh doch mal auf für dein Recht!“ - da denke ich jetzt viel öfter: „Was für eine starke Frau das ist. Was sie nicht alles erlitten hat und noch erduldet.“ Damit meine ich nicht unbedingt, dass ich es immer gut und richtig finde, wenn Frauen hier alles möglich hinnehmen. (Zum Beispiel dass der Mann sie schlägt, oder die Kinder, oder dass sie ihn völlig besoffen auf der Straße aufsammelt oder dass der Mann, der im Ausland lebt eben dort eine weitere Frau und Kinder hat…)

Ich will oft aufstehen und vor lauter Ungerechtigkeit laut aufschreien, will diesen Männern mal gewaltig die Meinung sagen, will den Frauen helfen, ihren schlimmen Lebensumständen zu entfliehen… doch die nackte, grausame und ungeschönte Wahrheit ist: Man kann sehr wenig machen!

So traf ich letzte Woche eine junge attraktive Frau, die Schwester meiner Nachbarin. Sie hat zwei Söhne lebt in der Hauptstadt. Von meiner Freundin hatte ich schon gehört, dass sie gewaltige Eheprobleme hat und sich trennen will. Das ist schon ein grober Schritt für eine albanische Frau und ist nur dann möglich, wenn sie Unterstützung von seitens ihrer Familie hat. Ansonsten kann eine Frau (jedenfalls in unserem Kontext) nicht viel machen. Ich nahm mir Zeit für sie und wir fuhren in ein nettes Café etwas außerhalb der Stadt um in Ruhe reden zu können. 

Nach anfänglichen seichteren Themen erzählte sie mir von ihrer Ehe. Ihr Mann lebt in England. Er hat kaum Interesse an ihr und den beiden Söhnen. Natürlich hat auch er eine andere Frau oder Geliebte in England (ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es einem als Frau da gehen muss…). Er beschimpft sie oft. Wenn er da ist, schlägt er sie, auf vor den Kindern. Er überwacht sie eifersüchtig, weiß über seine Familie (bei der sie wohnt) immer Bescheid, wo sie ist. Er teilt in keinster Weise sein Leben mit ihr, erzählt ihr nichts, was er tut, ob er was verdient. Das ist alles seine Sache und geht sie nichts an. Geld sieht sie nicht. Ihr Handy wird von ihm kontrolliert (wie sehr oft von den Männern hier…)

Ich bin sehr traurig, diese Dinge zu hören. Sie hat Tränen in den Augen und fragt mich, was sie denn machen soll. Sie ist zu ihrer Familie gezogen, allerdings ist das auch keine bleibende Lösung. Sie hat sich sogar eine Anwältin genommen, allerdings hat sie Angst, dass diese von ihrem eifersüchtigen Mann und dessen Anwalt eingeschüchtert oder/und bestochen wurde. (Nicht zu wissen, dass der Anwalt, den man bezahlt, auch wirklich für mein recht und gutes Eintritt, das ist schon echt beschissen - aber leider traurige Realität in Albanien.)

Nun will sie von mir wissen, was ich denke, will wissen, ob es ok war, zu gehen. 

Ihre Oma und Tante meinen, sie solle zurück gehen. Das muss man aushalten. (Da ältere Frauen oft selbst sehr viel erlitten und erduldet haben, scheint es mir oft so, als ob es auch nur diesen Weg gibt für sie. Wenn wir das erleiden konnten, dann könnt ihr das auch. - so klingt das jedenfalls oft in meinen Ohren und diese Frauen wirken auf mich sehr erbarmungslos. Haben aber eben auch oft ihre ganz eigene Leidensgeschichte und wurden vom Leben hart gemacht.)

Sie sagen, sie könne doch nicht zulassen, dass die Jungs „auf der großen Straße“ aufwachsen, d.h. ohne festen familären Rahmen, der sie in ihre Grenzen weist. 

Ich sage ihr meine Meinung dazu. Wie ich es auch aus der Bibel verstehe.

Ich weine mit ihr und ich bete für sie. Mehr kann ich nicht tun. 

Am nächsten Tag gebe ich ihr noch eine Karte mit ein paar persönlichen Worten und einem Psalmgebet mit auf den Weg. Und lege diese kostbare, von Gott geliebte Frau in seine Hand. Er wird für ihr Recht sorgen. Er wird eines Tages alles zum Recht bringen. Wird Ungerechtigkeit ausrotten. 

Mein Gebet ist es, dass sie wirklich erlebt, dass Jesus sie liebt, dass sie wertvoll ist, ganz gleich, wie ihr Mann sie behandelt, dass ihr Wert in Gottes Augen liegt, nicht in denen der Welt. Dass er gute Pläne hat mit ihr. 

Das sind meine Gebete für alle Frauen hier und auf der ganzen Welt, die unter solch harten Umständen leben müssen. Ich habe hier hautnah soviel erlebt an Not und Ungerechtigkeit im Leben von Frauen. Aber Gott sieht es auch! Und das beruhigt mich innerlich sehr, dass ich das weiß! 

Wenn du Corona in Albanien hast

Wenn du in Düsseldorf ins Flugzeug steigst Richtung Tirana, dann bist du in guten zwei Stunden gelandet. Das ist doppelt mal so schnell, wie wenn ich von Dannys Eltern zu meinen fahre. Albanien liegt in Europa, es ist Deutschland geografisch so nah und doch so fern… 

Das spüre ich immer wieder besonders drastisch, wenn es um medizinische Versorgung geht. Nun bin ich über sieben Jahre hier und nichts versetzt mir immer noch einen größeren „Schock“, als der Gang ins Krankenhaus. Ich spreche von unserem hier und dem in der Nachbarstadt. Aber ich weiß aus sicheren Quellen, dass auch die staatlichen Krankenhäuser in Tirana keineswegs besser sind, im Gegenteil. 

Damit ihr es euch besser vorstellen könnt, beschreibe ich einen normalen Gang ins Krankenhaus. Da unsere geliebten Nachbarn von unten leider auch an Corona erkrankt sind, gehen sie nun schon seit 12 Tagen zweimal täglich ins Krankenhaus. Egal wie das Wetter ist, bei Eis und Kälte, Sturm und Wind. Seit wir wieder hier sind, fahren wir sie dorthin. Da es in den letzten Tagen sehr kalt war und auch etwas geschneit hatte, lag der ganze Vorplatz des Krankenhauses noch voller Schnee, Räumung Fehlanzeige. Die wenigen Stufen beim Eingang sind rutschig und gefährlich. Ich hake Rrushe fester ein. Etwas Salz würde dem Abhilfe schaffen. 

Es sind schon einige Leute da, obwohl wir schon recht früh dran sind. Es wird nicht getrennt zwischen Corona Patienten und Patienten mit anderen Problemen, man will ja keinen stigmatisieren oder bloßstellen. Schamkultur sage ich da bloß. Verstandesmäßig nicht einzuordnen. Dort holen die beiden ihre Patientenakte, auf der nur der Name und die verschriebenen Medikamente stehen. Sonst nichts.

Wir gehen zum Arzt ein Haus weiter. Vor der Tür bleiben wir stehen. Geschlossen. Einer der Wartenden ruft die an der Tür stehende Nummer an (völlig normal hier - warum im Zimmer auf Patienten warten, wenn man auch im Nachbarcafe einen Schnaps oder Kaffee trinken kann?)

Dann kommt der Arzt. Er begrüßt einen kaum. Hat seine normale Alltagskleidung an. Er wäscht sich nicht die Hände, geschweige denn desinfiziert er sie. Er fragt kurz aber sehr oberflächlich nach dem Befinden. Misst dann den Sauerstoff und hört die Lunge ab. Dabei ist Rrushe extrem vornübergebeugt, wo ich mich frage, wie man da ordentlich eine Lunge hören will. Jaja, das ist eine schlimme Krankheit und auf die üblichen Medikamente kommen noch mal welche drauf, des Fiebers wegen. In keinster Weise wird erklärt, was verschrieben wird und warum. Der Arzt weiß Bescheid, man glaubt ihm alles und nimmt alles. Es geht ja um die Gesundheit. 

Am Ende nimmt der Arzt auch mich wahr. Ich bin die Frau von Danny. Ach Danny, der ist mein Freund. Ein guter Mann. Komm, ich untersuche dich auch. Ach nein, ich bin doch wieder völlig gesund. Aber doch, es muss sein. Damit zeigt er mir seinen Respekt. Mein Sauerstoffgehalt, sehr gut. Mein Puls etwas hoch. Daher noch Blutdruck messen. Und dann Pulli etwas hoch machen zum Lunge hören. Naja, etwas unangenehm war es schon… aber Respekt. Ich frage mich, wer wem Respekt gezeigt hat…

So nehmen wir die neue Liste an Medikamenten mit und laufen vorsichtig zu der nahegelegenen Apotheke, in der sie in den letzten Tagen schon 500 € gelassen hatten. Man holt also die Medikamente und geht wieder ins Krankenhaus zurück. In einem der kleinen, ziemlich unsauberen Räumen, deren Fenster mit Farbe zugekleistert sind, die Betten mit Wolldecken bedeckt und die Infusionsständer sehr verrostet und alt aussehen. Auf dem Boden steht eine Plastikschüssel, in der alle alten Nadeln und Spritzen geworfen werden. Ein Infusionsschlauch liegt daneben, mit Blutspuren.

Dort liegen und sitzen sie dann und lassen die ganze Palette an Medikamenten in ihren Körper fließen. Gift ist das, sagen sie und ahnen wohl, dass all das seine Nebenwirkungen mit sich bringt. Naja, morgen gehen wir in die Nachbarstadt, um die Niere auf Schädigungen zu prüfen. 

Nach ca einer Dreiviertelstunde gehen wir dann wieder, nur um am Abend wieder zu kommen, und am nächsten morgen wieder usw. 

Es tut mir im Herzen weh, wenn ich all das sehe und erlebe. Klar, es ist das, was sie kennen und vielleicht erleben die älteren all das schon als Fortschritt im Vergleich zur Zeit des Kommunismus. Dennoch, meine deutsche Sicht auf all das ist bestürzt, teilweise fassungslos. Da ich die Arbeit im Krankenhaus kenne und selbst drei Jahre da gearbeitet habe, fallen mir sicher die vielen Mängel allein in der Hygiene (die bei Corona ja nicht unwichtig ist…) auf. Dabei rede ich nicht von unserem teilweise vielleicht auch etwas überzogenen Hygienefimmel, sondern von elementaren Dingen wie Händewaschen.

Menschen sterben hier definitiv schneller. Dennoch wundere ich mich manchmal, dass nicht noch mehr sterben. Dies soll keine Anklage sein, ich möchte auch nicht schlecht über unsere albanischen Freunde schreiben. Aber das ist die Lebensrealität der Menschen hier und vielleicht stimmt es uns mal wieder dankbar für unsere gute deutsche medizinische Versorgung und Absicherung.

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Von den vielen verborgenen Heldinnen

Schon seit ich noch ein junges Mädchen war, vielleicht 12 Jahre alt, war ich begeistert von Mutter Teresa. Ich verschlang Bücher über sie, hielt Referate über ihr Leben in der Schule, hatte ihr Gebetsbuch und ließ mich von ihren Gebeten inspirieren für mein eigenes Gebetsleben. Wenn ich mit der Schule fertig sein würde, wollte ich auf jeden Fall mal ein Jahr zu den Schwestern der Nächstenliebe nach Kalkutta. Ich sah mich schon mit abgemagerten und dreckigen Kindern im Arm und sehnte mich danach, diesen vergessenen Menschen Jesu Liebe zu bringen. Als Mutter Teresa dann 1997 starb (wir waren gerade in Spanien auf einer Familienfreizeit) war ich auch sehr bewegt und befasste mich weiterhin sehr mit ihr. 

Wusstest du, dass Mutter Teresa eine Albanerin war? Sie wird hier in Albanien als Nationalheldin verehrt, es gibt einen extra Feiertag für sie und hier und da sieht man Statuen von ihr. Sie ist eine Heldin für dieses Land und für die ganze Welt. 

Doch hier will ich nicht über sie schreiben. Schon lange liegt es mir auf dem Herzen, über andere Heldinnen zu schreiben. Frauen, die im verborgenen leben, alleine kämpfen und leiden. Frauen, die mir in vielerlei Hinsicht ein Vorbild sind. Je länger ich hier lebe und je mehr Schicksale von Frauen ich mitbekomme, je mehr Frauen mir gegenüber sitzen und mir ihre Geschichte erzählen, desto mehr wächst in mir die Ehrfurcht vor diesen Heldinnen. Nach außen sehen sie nicht so aus. Vielleicht erscheinen sie auf den ersten Blick auch als schwach und gleichgültig, nicht ehrgeizig genug, sich in ihr Schicksal ergeben ohne zu kämpfen… So dachte ich manchmal. Doch je mehr ich mitbekomme, je mehr sich mein Herz mit ihrem verbindet, desto mehr sehe ich auch die Kraft und Stärke, die in ihnen liegt. 

Manchmal sitze ich da und bin beschämt. Beschämt, wenn ich mitbekomme, wie schwer ihr Leben war und ist. Wenn ich darüber nachdenke, wie sie ihr ganzes Leben nur gedient haben und dienen. Wie sie es selbstlos und selbstverständlich tun. Wie sie sich hingeben für ihren Mann und vor allem für ihre Kinder. Wie schnell bin ich am klagen und wie schnell ärgere ich mich schon mal über dieses oder jenes Verhalten von meinem Mann oder meinen Kindern.

Hier sitze ich Frauen gegenüber, die viele Kinder geboren haben, oder die Scham der Kinderlosigkeit ertragen mussten. Frauen, deren Kinder gestorben sind, bevor sie drei Jahre alt waren, Frauen, deren Männer im Gefängnis sitzen, die trinken, sie schlagen, sie anschreien, ihnen untreu sind und selber aber ihre Frauen vor Eifersucht zuhause einsperren. 

In so viele Augen habe ich geschaut, die sich mit Tränen gefüllt haben, zitternde Lippen, ein nach Fassung suchendes Herz, das aber manchmal einen Raum braucht um all den Schmerz freizulassen, der viel zu oft viel zu lang viel zu fest verschlossen ist. Es ist eine Art, sich zu schützen, abzustumpfen, all das Elend zu ertragen.

„Ich will gar nicht mehr haben, reicher sein,  ich will nur ruhig leben.“ 

„Seit zwanzig Jahren leide ich unter diesem Mann. Ich lebe nur noch für meine Kinder. Dass sie ein besseres Leben haben…“

„Ich habe als Kind solche Armut erlebt, dass ich jetzt mit diesem kleinen bescheidenen Leben so zufrieden bin…“

„Ich könnte unsere miserablen Lebensumstände so viel besser ertragen, wenn mein Mann nur nicht immer betrunken nach Hause kommen und alles Geld ausgeben würde…“

Die Nöte sind vielschichtig. Aber ich bewundere diese Frauen, wie sie sich so oft doch so eine Fröhlichkeit bewahrt haben, ihre Gesichtszüge weich geblieben sind, sie sich immer wieder investieren in eine schier aussichtslose Beziehung, wie sie dienen, ganz selbstverständlich, sich zurücknehmen und für andere leben. 

Manchmal kommt man als Ausländer an, sieht ungerechte Lebenssituationen, denkt, dass man sich doch das alles nicht gefallen lassen kann, dass man doch aufstehen muss, zur Polizei gehen, die Familie einschalten, und überhaupt: tu doch etwas dagegen!

Doch jetzt sitze ich oft da, spüre meine eigene Unfähigkeit wirklich zu helfen. Ich höre mir Geschichten ruhig an. Ich weine mit. Ich habe in meinem Herzen großen Respekt. Ich drücke diesen aus. Ich umarme und ich segne in Jesu Namen. Und ich biete ihnen die effektivste Hilfe überhaupt an: für sie zu beten. Ich sehe dann ein wenig mehr Hoffnung in diesen Augen, ich sehe eine große Dankbarkeit und Wärme in dem, wie sie meine Hand halten. Ich möchte so gerne diese Frauen direkt in Jesu Arme lieben und sie dort lassen. 

Ich habe gegeben, was ich konnte, und bin doch beschenkt durch das Beispiel von Frauen, die innere Stärke und Würde leben inmitten von lebensfeindlichen Umständen. Sie sind meine Heldinnen. Hier mitten in meiner Mitte. Ich will sie ehren und lieben und von ihnen lernen. 

Wie kann man da schweigen?

Der folgende Artikel stammt von Alex, unserer Teamkollegin. Sie schreibt auch auf ihrem eigenen Blog. alex4alb.wordpress.com. Schau doch mal rein.


Wir sitzen zu 6 Frauen zusammen. Haben Kaffee getrunken, geredet, gebetet und die Bibel gelesen. Das erste Treffen dieses Jahr. Dementsprechend gering ist die Konzentration, weil erst mal vieles ausgetauscht werden muss. Auf einmal schauen die Frauen schockiert aus dem Fenster.

Ein Mann wird mit verbundenen Händen in die Polizeistation geführt. Mit dabei ein junges Mädchen, seine Tochter. Sie kennen diesen Mann. Er wohnt in ihrem Hochhaus. Ist alkoholabhängig. Und sie hören regelmäßig, wie er seine Frau und Kinder schlägt. Sagen aber nichts dazu. Weil man das nicht macht. Aus Angst vor schlechtem Gerede. Es oft eh nichts bringt.

Die Frauen sind schockiert. Und fangen an von ihren eigenen Situationen zu Hause zu erzählen. Der Mann von einer Frau trinkt jeden Tag. Er schlägt sie nicht, bedroht sie aber verbal so heftig, dass sie manchmal zu den Nachbarn flieht. Oder er schließt sie aus. Oder ihre Eltern müssen kommen, um die Situation zu entschärfen. Die Tochter einer Frau wurde im jungen erwachsenen Alter von einem Mann kurz vor der Haustür abgefangen, der ihr Geld für Sex angeboten hat. Gott sei Dank hat sie spontan sehr weise reagiert und konnte sich aus der Situation befreien. Sie hat sich erst Jahre später getraut ihrer Mutter davon zu erzählen, weil sie sich so geschämt hat.

Eine andere Frau erzählt zum ersten Mal, dass ihre Ehe eigentlich auch nicht gut läuft. Dass ihr Mann, wenn er trinkt, aggressiv wird, sie respektlos behandelt. Die Menschen, die um sie herum leben wissen das. Eine andere Frau war 3 Monate lang verheiratet. Wie so oft mit Vermittlung. Dann hat sie gemerkt, dass ihr Mann drogenabhängig ist. Und mit dabei sitzt eine Frau, die von ihrem Mann geschieden ist. Der Grund: Jahrelange häusliche Gewalt. Nur mit viel Unterstützung ihrer eigenen Brüder konnte diese Frau diesen Schritt tun. Sie wird von vielen dafür schräg angeschaut. Sie sagt gar nichts zu dem Thema.

Mir fehlen auch einfach die Worte. Was soll ich dazu sagen? Wie kann ich diese Frauen ermutigen, die oft ein schreckliches Leben haben? Und keine Möglichkeit haben da raus zu kommen. Wie muss sich das junge Mädchen fühlen, das ihren Vater zur Polizei begleitet?

Ich erzähle ihnen eine Geschichte, an die ich mich immer in solchen Momenten erinnere. Momente, in denen ich nach Hoffnung suche. Eine Familie in Peru. Der Vater ist alkoholabhängig. Eines Tages fängt er an an Jesus zu glauben und wird von einem auf den anderen Tag frei vom Alkohol. Und ist ein anderer Mensch. Respektvoll und freundlich. Das ist kein Märchen, sondern eine Geschichte, die wahr ist. Ich war dabei. Und genau dafür möchte ich beten. Dass diese Wunder auch in unserer Stadt passieren.

Ohne Gott gibt es keine Hoffnung in all den verkorksten Situationen. Aber mit Gott gibt es Hoffnung. „Wir müssen für Wunder in unserer Stadt und besonders für die Männer in unserer Stadt beten,“ sind wir uns daraufhin alle einig. Seid ihr dabei?

Mein Frust und wie mich Gottes Gnade fand

Ich lebe nun ziemlich genau 6 Jahre hier in Albanien. Vieles ist normal geworden. Das fällt mir gar nicht mehr auf. Über anderes habe ich gelernt, hinwegzusehen. Anderes kann ich nur aushalten, weil ich es mit Humor nehme. Und das allermeiste schaffe ich nur, weil Gottes Gnade mich dazu befähigt. Mir Liebe schenkt und Geduld und Nachsicht und Freude. Ja, ohne seine Gnade würden wir hier sicher nicht mehr in Freude leben.

Dennoch gibt es auch immer mal wieder Momente, in denen mich der Frust überkommt. Vielleicht sind es auch späte Kulturschocks. Man könnte auch einfach sagen: manchmal bekomme ich den Koller! Da schreit alles in mir. Da kommen mir die Tränen und die Wut zugleich hoch. Ich weiß, dass alle, die ebenso wie ich im Ausland leben, sehr gut verstehen, was ich meine...

Gestern war so ein Moment. Ich bin dabei, Jemima in dem städtischen Kindergarten einzugewöhnen. Diese Aufgabe hatte ich vor drei Jahren mit Gideon und Livia schon einmal. Sie gingen nach einer gewissen Zeit dann auch gerne hin und ich brachte sie hin und war dann wieder weg. Ehrlich gesagt hielt ich mich, glaub ich, absichtlich etwas fern von einem tieferen Eintauchen in dieser Zeit, da ich weiß, wie es mich schon damals echt umgetrieben hat, die Zustände dort zu sehen.

Aber jetzt bin ich wieder damit konfrontiert. Ich dachte, meine Seele ist schon abgehärtet. Ich hab hier schon so viel gesehen. Ich weiß ja, wie es hier läuft. Bin abgeklärt, könnte man sagen. Hab mich abgefunden, dass meine Kinder nun mal nicht den toll ausgestatteten deutschen Kindergarten genießen können. Aber gestern traf es mich wieder. Es stach mich mitten ins Herz. Und ich hätte weinen können. Vielleicht bin ich doch nicht so abgeklärt, wie ich dachte, gleichgültig und: so ist es halt, die anderen haben es auch gut überlebt. Und vielleicht ist das gut so. Wahrscheinlich ist es einfach die große Liebe zu meinem Kind, die ihm das allerbeste wünscht.

Von was rede ich eigentlich? Kindergarten läuft hier ganz anders ab. Es gibt kaum Spielsachen. Obwohl wir vor einigen Jahren jeden Kindergarten mit mehreren Bananenkisten Spielsachen versorgt hatten, ist davon nicht allzu viel übrig. Und das, was da noch ist (auf meine Anfrage hin) ist vermischt mit anderen Sachen, mit Müll und kaputten Teilen in einer Kiste. Da blutet mein Ordnungsherz. Wo ist nur die schöne große Kiste mit Duplo Steinen hin?
Dann ist die Erzieherin allein mit bis zu dreißig Kindern. Ich ziehe echt meinen Hut vor ihr. Aber es gibt ständig Ablenkung während des Programmes. Das Handy klingelt mitten im Stuhlkreis, eine Mutter steht vor der Tür, ein Kind muss auf Toilette, ein Papa möchte sein Kind abholen etc. ...

Als ich nachhause ging, da war ich innerlich aufgewühlt und unruhig. Ich fragte Jesus um Rat und bat auch um Vergebung, wo ich in meinem Herzen schlecht über die „Albaner“ und ihre Kindergärten dachte. Aber es fällt mir einfach so schwer, manches hier einfach mit Freude anzunehmen, wenn es doch so sichtlich nicht optimal ist.

Später las ich meine Texte für diesen Tag aus meinem Bibelleseplan. Es war der 1. Petrusbrief dran. Dort geht es viel um das Leiden um Jesu Willen. Ich möchte mein Erlebnis vom Vormittag nicht als großes Leiden darstellen, aber für mich war es das. Es ist ein Leiden um Jesu Willen, das ich in Kauf nehme, weil ich hier lebe und ihm hier diene. Ohne Jesus wären wir ganz sicher nicht hier!

Ein Vers sprach mich dann besonders an. Da werden eigentlich Sklaven angesprochen, die einem schlechten Herrn dienen müssen. Es heißt da:

„Wenn ihr aber ausharrt, indem ihr Gutes tut und leidet, das ist Gnade bei Gott. Denn hierzu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen, damit ihr seinen Fußspuren nachfolgt.“ (1.Petrus 2,20-21)

Ausharren, Gutes tun und Leiden. Das gehört alles zusammen für einen Christen, der Jesus nachfolgt. Es war gut für mich, mir das ins Gedächtnis zu rufen. Auch die Umstände im Kiga (und der Schule hier) bedeuten für mein Mutterherz ein Leiden. Aber es ist Gnade bei Gott, wenn es so ist. Gnade bei Gott. Was kann es besseres geben.
Plötzlich wurde aus meinem Frust Dankbarkeit. Und Annahme und Bereitschaft, dieses Leiden auf mich zu nehmen. Denn es ist Gnade bei Gott.

Eine Hochzeit in Nordalbanien…

…ist definitiv anders, als ich es bisher kannte…

Einen Tag vor der ersten Hochzeitsfeier kommen Nachbarn und die engste Familie zu dem Haus der Braut. Dort werden dann alle Handarbeiten, die die Braut gemacht hat präsentiert: einen Koffer mit gehäkelte Tischdeckchen/Perlentischdecken, einen mit gestrickten Pullis und Socken, alles in vielen verschiedenen Varianten. Danach werden die Geschenke gezeigt, die die Braut bekommen hat: Umschläge mit Geld, viele Koffer mit neuen Kleidern (die Kleider von vor der Hochzeit zieht man nicht mehr an), Schuhen, Schmuck, Taschen und bei allem wird der Name des Schenkenden dazu gesagt.

Dann kommt die Braut in einer traditionellen Kleidung dazu, zeigt sich einmal und geht wieder ins Haus rein. Lächeln darf sie nicht, sondern es wird erwartet, dass sie weint, da sie bald ihre geliebte Familie verlassen wird und in eine neue Familie kommt. Die letzten Tage vor der Hochzeit verbringt die Braut in ihrem Zimmer und hat wenig Kontakt zur Außenwelt.

Am ersten Tag der offiziellen Hochzeit feiert die Braut mit ihrer Familie und Freunden. Frühmorgens wird sie einige Stunden lang gestylt, weil alles perfekt aussehen soll. Die Feier findet mit ca. 200 Leuten in einem gemieteten Feiersaal statt. Der Bräutigam kommt zwischendurch ca. 2 Stunden mit 25 engen Familienangehörigen dazu und geht dann wieder. Es wird fast die ganze Zeit traditionell im Kreis getanzt, vorher wird angekündigt, welcher Teil der Familie dran ist mit Tanzen. Die verschiedenen Tänze lernen alle von kleine auf und deshalb tanzt auch jeder Mal mit. Die ganze Zeit über wird Essen verteilt und gegessen. Es wird immer wieder viel Fleisch auf die Teller nachgelegt, auch wenn man noch welches auf dem Teller hat. Die Braut steht den großen Teil des Festes alleine (oder mit ihrem Mann) vor Kopf des Saales und wird immer wieder von Gästen beglückwünscht. Bei manchen Tänzen kommt sie dazu. Ein spezieller Kreistanz wird von 20 Frauen in der traditioneller Kleidung vorgeführt. Es gibt auch einen eigenen Tanz des Brautpaares bei dem Gäste Geld auf das Paar werfen können. Zwischendurch liest der DJ Glückwünsche von Familienangehörigen aus dem Ausland vor, die nicht kommen konnten.

Am zweiten Tag wird die Braut morgens (wieder nach intensivem Styling) mit viel Gehupe und einer Autokolonne vom Bräutigam und seiner Familie abgeholt und in ihr neues Zuhause gebracht. Es wird erwartet, dass die Braut weint, was sie meistens auch tut, weil sie ihre neue Familie, bei der sie wohnen wird oft nicht wirklich kennt. Nachmittags feiert der Bräutigam dann mit seiner Familie, die Familie der Braut kommt wieder mit einigen Leuten für kurze Zeit dazu. Der Ablauf der Feier ist ziemlich ähnlich.

Am nächsten Tag kommen Nachbarn und die engste Familie zum Haus des Bräutigams und es werden wieder die ganzen Handarbeiten und Geschenke gezeigt wie am Tag vor der ersten Feier. Die Braut steht still und traurig daneben.

An diesen ganzen Feierlichkeiten wird das Brautpaar genaustens beobachtet und es ist wichtig alles richtig zu machen, wenn man möchte, dass nicht schlecht geredet wird. Die Fassade nach außen muss stimmen. Für die Braut ist es wichtig, dass ihre neue Schwiegerfamilie zufrieden mit ihr ist und sie schön findet. Deshalb hat die Schwiegerfamilie einen großen Einfluss auf die Wahl des Kleides, je pompöser umso besser. Die Braut steht vorher und während der Feiern durch das ganze ziemlich unter Stress. Es ist außerdem wichtig, dass die Braut sich verändert für die Hochzeit, deshalb färben sich die meisten Bräute vor der Hochzeit ihre Haare und werden sehr stark geschminkt. Teilweise erkennt man die Braut nicht wieder. Es macht den Eindruck, dass das Fest und alles drum herum mehr für die Gäste und für den guten Ruf ist, als dass das Brautpaar es genießen und feiern kann.

Was mich auch nach 6 Jahren in Albanien immer noch herausfordert

Ich habe hier zwei liebe Freundinnen, die auch an Jesus glauben, mit denen ich bete und Bibel lese. Diese zwei Frauen sind mit fanatischen Männern verheiratet. Was das bedeutet hat Danny hier ausgeführt. Wenn ich sie sehen will, dann muss ich zu ihnen nach Hause gehen. Sie können aus verschiedenen Gründen so gut wie nie zu mir kommen.

Nun hatte eine von beiden Geburtstag und ich wollte sie schon sehr lange mal in ein schönes Café etwas außerhalb von Krume, aber nicht weit, einladen. Einfach mal ein anderes Umfeld, eine andere Ambiente, mal raus von den teilweise auch erdrückenden Umständen in ihrem zuhause. Wir hatten es ausgemacht und ich hatte den festen Glauben, dass es klappen wird. Zum Geburtstag mal einen Kaffee trinken zu gehen ist hier eigentlich selbst für Frauen mit fanatischen Männern schon drin.

Als ich mich dann heute nochmal vergewissern wollte, ob es auch klappt, musste ich die Nachricht hinnehmen: „Nein, nein, wir haben keine Erlaubnis.“

Irgendwie hat es mich diesmal mehr getroffen. Ich kenne ja die Kultur hier nun schon seit fast sechs Jahren. Ich kenne diese teilweise oft unerträglichen Umständen mancher Frauen hier leider viel zu gut. Ich kenne diese Engstirnigkeit. Ich kenne diese Männer, die selbst den ganzen Tag unterwegs sind und sich nicht blicken lassen, aber ihre Frauen zuhause einsperren und ihnen jegliche Freiheit nehmen. Ich kenne es nur zu gut. An manchen Tagen nehme ich es hin, weil es halt so ist. An anderen Tagen, da macht es mich innerlich traurig und wütend zugleich.

Es tut mir für mich leid, dass ich hier nicht einmal mit meinen guten Freundinnen einfach einen Kaffee trinken kann. Aber noch mehr tut es mir für diese Frauen hier leid. Stell dir vor, du müsstest bei allem, was du tust, deinen Mann um Erlaubnis fragen. Er entscheidet, was du tun darfst und was du lassen musst. Er entscheidet alles über dich. Stell dir vor, dass das ein Mann ist, der selbst sich nur rumtreibt, keine geregelte Arbeit hat, sein Geld verspielt oder vertrinkt, dich anschreit und keinen Finger krumm macht zuhause. Stell dir vor, dass dieser Mann über dich und dein Leben entscheiden darf.

Ich finde es schlimm. Heute finde ich es richtig schlimm. Und ich leide innerlich mit all diesen Frauen (und es gibt derer unzählige auf dieser Welt), die so leben müssen.

Und ich will einmal mehr dankbar sein, dass ich zu den glücklichen Frauen gehören darf, die einen Mann hat, der sie liebt, der sie schätzt, der ihr Freiheit gibt und der sich um sie und ihre Kinder liebevoll kümmert. Ein Geschenk! Etwas, was wir viel zu schnell als selbstverständlich ansehen!

Meine beiden Freundinnen, nun, die werde ich wieder in ihrem zuhause besuchen gehen. Und wir werden dort wieder unseren türkischen Kaffee trinken. Oder ich rufe selbst ihre Männer an und frage um Erlaubnis. Ganz sicher werden sie mir gegenüber ja zu dieser Unternehmung sagen...

Ansonsten kann ich nur beten und sie der Gnade Jesu anbefehlen! Und ich kann meinen Frust und keine Traurigkeit zu Ihm bringen! Und dort lassen. Und von dort aus weitergehen und die Menschen hier lieben und achten, auch diese fanatischen Männer..

Was du über den Umgang der Albaner mit Krankheit wissen musst

Vor kurzem war ich mit meiner Teamkollegin, die Physiotherapeutin ist, zu einem Besuch auf dem Dorf. Die junge Frau, die wir besuchten ist gerade mal 23 Jahre alt. 

Vor einem Jahr war sie noch verlobt. Sie konnte noch laufen. Sie konnte normal reden. Sie konnte allein essen. Sie war eine ganz normale junge Frau, die sich auf ihr Leben freute, auf die Heirat, die Kinder. Sie hatte Arbeit und ein Leben, wie jede andere. Da war sie noch gesund. 

Doch jetzt, ein Jahr später, ist alles anders. Sie sitzt auf dem Sofa, recht steif und unbeweglich. Vor der Tür steht ein Rollstuhl. Ihre Hände zittern und ihre Stimme will nicht mehr so ganz, wie sie es möchte. Sie kann weder laufen, noch alleine essen. Ihr Verlobter hat die Verbindung gelöst und hier sitzt sie, wie ein Häufchen Elend. Alles, alles ist so anders geworden. 

Ihre Krankheit? MS. Und davon die wohl aggressivste Form. Innerhalb von einem Jahr so dermaßen abzubauen, das gibt es nicht oft. Bei jedem Besuch in der Physiotherapie wurde ihr Zustand ein wenig schlechter. Es ist schlimm, das mit ansehen zu müssen. 

Diese junge Frau, ich nenne sie Maria, besuchen wir. Wir wollen ihr in ihrem Elend begegnen und sind doch erstmal angesichts der Tragik ihres Lebens nicht wirklich dazu in der Lage. Was soll man sagen, welche Worte finden für solch ein Schicksal?

Wir sitzen eine kleine Weile mit Maria und ihrer Mutter, sichtlich auch schon am Ende ihrer Kräfte, zusammen, da kommt Besuch. Eine Nachbarin. Wie mir scheint kommt sie öfter vorbei. Sie umarmt Maria und fragt sie, wie es ihr geht. Leise sagt sie: „Nicht gut. Mir geht es nicht gut.“ Wie ein sich wiederholendes Tape redet dann die Nachbarin auf sie ein: „Doch, es geht dir besser, du wirst wieder gesund, alles wird wieder gut, morgen ist alles wieder besser. Dir geht es gut. Du musst nur mehr essen.“ Ich sehe Maria an, ihr Blick leer gerade aus, wie sie leise immer wieder sagt: „Es geht mir nicht gut.“ Doch das schien bei der Frau gar nicht anzukommen. Eine komische Szene. 

Und doch spiegelt sie so gut wieder, wie wir hier den Umgang mit Krankheit und Sterben erleben. Es wird alles weggeredet. Das fängt schon bei den Ärzten an, die wirklich in vielen Fällen einfach nicht die Wahrheit sagen. Weil man das doch nicht macht. Damit wird eine schlimme Diagnose doch noch schlimmer, so möchte man glauben. Maria wurde bis zum Schluss gesagt, dass sie nicht wirklich krank ist, sondern dass alles nur vom Stress kommt. Unglaublich. Obwohl doch alle Scans etwas anderes beweisen...

Alles wird immer wieder gut. Das ist das bekannte Gerede auf die Nachricht von Krankheit. Zu Beginn unserer Zeit hier hatten wir Kontakt zu einem schwer krebskranken Mann. Er sah schon fast tot aus, so abgemagert und regungslos. Aber die Angehörigen konnten dem Tod nicht in die Augen sehen. Sie ließen den sterbenden Mann noch nach Italien bringen in der Hoffnung, dass dort das medizinische Wunder geschieht. Es geschah nicht, und der tote Angehörige musste teuer wieder zurück nach Albanien überführt werden. 

Als ich am Sterbebett unserer Nena Ajshe saß, sie im Koma lag und jeder nur zu gut wusste, dass es ihrem Ende entgegen ging, selbst da stemmte sich jeder noch innerlich, oder vielleicht auch nur äußerlich gegen diese Tatsache. Nein, sie hat nur Grippe, sie wird schon wieder, das ist alles nicht so schlimm. Weint nicht! Sie wird wieder! Ich stand dabei und wusste nicht, was ich denken sollte. 

Mittlerweile kenne ich diese Art unserer albanischen Freunde hier. Ich habe ein Stück weit gelernt, damit umzugehen. Da wir auch in unserer Familie gerade schwere Krankheit haben, bekommen wir es am eigenen Leib zu spüren. Das für uns doch sehr oberflächliche Gerede von „das wird schon alles wieder“, das kennen wir, kann einen aber manchmal auch zu viel werden.

Zurück zu Maria. Gott schenkte uns noch Gelegenheit, zu dieser Frau zu reden. Wir konnten für sie beten und ihr von der Hoffnung in Jesus erzählen. Das haben wir versucht, so einfühlend wie möglich zu tun. Nicht das Leid und die Traurigkeit und die Tränen und die Schmerzen leugnen. Sie sind da. Es geht ihr nicht gut. Und es ist nur so verständlich, dass es ihr nicht gut geht. Wie würde es mir gehen...? All das Schwere ist da. Es wird nicht weggehen, wenn sie beginnt, mehr zu essen. Aber wir haben eine Hoffnung, die all das Schwere durchdringen will und kann! Und diese Hoffnung heißt Jesus!

Ich glaube mittlerweile, dass diese Art der Albaner, mit Krankheit, Leid und Tod umzugehen, einfach daher kommt, dass sie keine andere Antwort darauf haben. Sie haben keine Hoffnung über dieses Leben hinaus. Sie haben nur die Hoffnung, dass es irgendwie wieder besser werden wird und das wird mit Worten herbeigeredet. Es ist ihre Art, mit all dem Elend umzugehen und es durch wohl gemeinte Worte irgendwie zu lindern. Maria hat sich getraut, auszusprechen, was sie empfand: „Es geht mir nicht gut. Du kannst mir einreden, was du willst.“ Das ist mutig in dieser Kultur.

Wir verteilen Kleider

Im Mai bekamen wir mit einem Hilfstransport an die 200 Bananenkisten mit gebrauchten Kleidern mitgeliefert. Letzte Woche war ich beim Bürgermeister und wir haben gemeinsam besprochen, wie und wohin wir die Kleider verteilen. Natürlich hatten wir als Team die Sache vorher durchdacht. Die Art und Weise der Verteilaktion war für uns allerdings neu. 

Damit die Menschen wirklich etwas zum anziehen bekommen, das ihnen passt, müssen sie sich die Sachen am besten selber aussuchen. Und so haben wir die jeweils ca. 24 Bananenkisten mit in eine Dorfschule genommen. Der Direktor hatte im Vorfeld die ärmsten Familien seines Dorfes informiert. 

Bei unserem ersten Einsatz kamen tatsächlich nur Männer, um Kleider für sich, ihre Frauen und die Kinder auszusuchen. In den Dörfern herrscht oft noch eine "fanatische*" Kultur. (*fanatik ist bei uns der Ausdruck für eine stark ausgeprägte Männerdominanz in den Familien, die beinhaltet, dass Frauen ihre Häuser nicht verlassen und schon gar nicht zu einer Kleiderverteilung gehen dürfen. Die Menschen hier selbst gebrauchen diesen Ausdruck oft.) 

Im zweiten Dorf war es ähnlich. Doch vor dem Einsatz im dritten Dorf baten wir den Direktor, nochmal inständig bitte auch Frauen mit einzuladen. Und so kam es dann auch, dass eine Anzahl von Frauen da waren, um sich Kleider für sich und ihre Familien auszusuchen. 

Jedem der Bedürftigen haben wir im Vorfeld erklärt, warum wir diesen Einsatz machen und was überhaupt unsere Motivation ist, hier in Albanien mit den Menschen zu leben. Nach dem die Leute sich was ausgesucht hatten, bekamen sie noch einen evangelistischen Flyer mit auf den Weg. 

Wir wollten mit dem Einsatz in den Dörfern den Menschen zeigen, dass Gott sie nicht vergessen hat. Und auch wir möchten die Menschen in den Dörfern nicht vergessen. Sie leben oft abgeschieden, ohne Auto, in sehr entfernten Ortschaften, ohne medizinische Versorgung, geschweige denn Internet. 

Mir wurde durch dieses Projekt nochmal klar, dass da unzählige Menschen leben - freundliche Menschen, Menschen mit Nöten, Menschen, die verloren sind. Möge Gott uns helfen, einige von ihnen zu erreichen.  

Schau dir doch folgende Bilder an um einen besseren Eindruck von unseren Einsätzen zu bekommen.

Du hast aber einen guten Mann

Letztens war ich zu Besuch bei meiner Freundin. Wie Gott es manchmal so führt, hatte sie an diesem Tag Geburtstag und auf der Straße begegnete ich ihrer Schwiegermutter, Rosa*  (die sich letztens auch zu Jesus bekannt hat) und noch fünf weiteren Schwiegertöchtern, die gerade auf dem Weg zu meiner Freundin waren. Ich habe zu dieser älteren Frau ein sehr gutes Verhältnis. Trotz ihres schweren Lebens hat sie sich noch so eine Freundlichkeit und Güte bewahrt. Das fasziniert mich.

Sie hat neun Söhne, aber 13 Kinder geboren, d.h. vier ihrer Kinder sind gestorben. Nur Söhne zu haben heißt auch, dass sie sehr wenig Unterstützung im Haushalt und auch mit sonstigen Arbeiten hatte. Mädchen beginnen bald, die Mutter zu unterstützen im Putzen, im Bewirten der Gäste, im Hüten der kleineren Geschwister... Söhne helfen in der Regel so gut wie gar nicht mit. (Ich versuche immer wieder Mütter zu ermutigen, doch auch ihre Söhne in die Hausarbeit mit einzubeziehen, aber ich vermute, dass die Tradition da stärker ist.)

So waren wir also bei meiner Freundin alle zusammen. Es gab Kaffee und danach noch ein ausgiebiges Mittagessen. Irgendwann sagte Rosa dann: „Also, dein Mann, der ist ja sehr gut.“ Dann erzählte sie, dass sie zwei Tage zuvor bei uns zuhause war. Sie traf dabei nur Danny und die Kinder an, da ich an diesem Vormittag mit den Frauen aus dem Team in die nächste Stadt in den Kosovo gefahren war, um Blumen für den Garten zu kaufen auf einem großen Markt. (Normalerweise gehen hier eher nur die Männer, um sich in dieser Stadt zu „vergnügen“.) So sah sie Danny im Garten sitzen, um ihn herum ein Haufen spielender Kinder und auf die Frage hin, wo Rakela (mein albanischer Name) ist, bekommt sie die Antwort, dass sie in Gjakovë auf dem Markt ist.

In euren Ohren klingt das jetzt gar nicht besonders, aber diese Frau war absolut von den Socken, dass der Mann die Kinder hütet und die Frau sich „draußen“ vergnügt im einkaufen. Ihren Söhne (aus einem sehr  konservativer Clan) würde das sicher nicht im Traum einfallen.

Wir mussten so lachen, als sie das in der Runde von Frauen so erzählte. Aber sie lobte Dannys Verhalten sehr, und das freute mich. Sie fand es nicht komisch, dass mein Mann so etwas macht, sondern sie war sichtlich berührt von dieser Beziehung, die wir zueinander haben.

Ja, es stimmt, ich habe einen sehr guten Mann. Sicher wird mir das noch mehr bewusst, indem ich hier in dieser Kultur lebe, in der Ehe und Familie so anders gelebt wird. Für uns war von Anfang an klar, dass Danny sich in diesem Punkt nicht anpassen wird, nämlich in dem, dass der Mann sich so gut wie gar nicht um die Kinder und deren Erziehung kümmert. Da wollen wir bewusst einen Kontrapunkt setzen. Und schön, dass das dann auch positiv aufgenommen wird. Ich hoffe, auch von dem ein oder anderen Mann...

"Hoffentlich wird es ein Junge."

Ich bin nun in der 24. Schwangerschaftswoche und natürlich ist mein Bäuchlein nun nicht mehr zu verstecken. Menschen hier freuen und wundern sich zugleich, dass wir noch ein viertes Kind bekommen. „Du bist ja wie wir Albaner“, heißt es dann so manchmal. Ich sage dann, dass wir uns bewusst dafür entschieden haben und Kinder ein Segen Gottes sind und wir uns sehr darauf freuen. Der nächste Kommentar dann ist meistens: „Hoffentlich wird es ein Junge.“ - das sagen sie auch ohne zu wissen, dass wir schon einen Jungen und zwei Mädchen haben. (Die „perfekte“ Familie wäre doch zwei mit zwei...)

Nun, was soll ich dazu sagen? Ich sage, dass das nicht wir, sondern Gott entscheidet. Und dass das auch gut so ist, sonst gäbe es in Albanien ja kaum noch Mädchen.
„Ja, ja, natürlich, Hauptsache gesund.“ kommt dann die schnelle und etwas verlegene Antwort. Manchmal möchte ich sagen: „Ja, und auch wenn es nicht gesund ist, ist es ein Geschenk Gottes!“

Als wir zuletzt einen Ultraschall machten, sah es nun mehr nach einem Mädchen aus. Wir freuen uns auch von ganzem Herzen darüber. Natürlich! Aber ehrlich gesagt fürchtete ich etwas die Kommentare der Albaner. Und mehr noch, hatte ich einfach keine Lust über blöde Bemerkungen oder Blicke, die das Leben von Mädchen herabsetzen. Irgendwann reicht einem das.

Im Moment fühle ich mich dabei wie eine Botschafterin für das Leben von Mädchen. Wenn nun Leute fragen, ob wir schon wissen, was es ist, dann sage ich frei heraus, dass es mehr nach Mädchen aussieht und wir uns freuen. Besonders laut sage ich es, wenn Mädchen im Raum sind. Wie müssen die sich nur fühlen, wenn immer nur ein Junge gewünscht wird und die Nachricht, dass es ein Mädchen ist, eine Schlechte ist.

Unsere Nachbarin von unten versuchte mir einmal zu erklären, warum man sich mehr einen Jungen wünscht. Das Leben eines Mädchens und später einer Frau ist so viel mehr von Leiden geprägt, wie das eines Jungen oder Mannes. Das wünscht sich doch keiner für sein Kind. Ich versuchte, mich in diesen Gedanken hineinzuversetzen. Wir können das ja so gar nicht verstehen. Bei uns haben alle die gleichen Chancen, ob Mädchen oder Junge. Aus Angst vor einem leidvollen Leben kein Mädchen zu wollen?

In gewisser Weise kann ich es nachvollziehen. Ja, ich denke auch, dass das Leben der Frauen auf jeden Fall mehr von Arbeit und oft auch Verantwortung tragen etc. geprägt ist. Wenn sie mit einem „schlechten“ Mann verheiratet wird, evtl. noch mit einer schwierigen Schwiegermutter zusammenlebt, dann kann das Leben echt sehr hart werden. Kindererziehung, Hausarbeit, Arbeit im Garten oder auf dem Feld, auch oft sehr schwere Arbeit, ist Aufgabe der Frau. Der Mann sitzt oft genug den ganzen Tag nur irgendwo im Café... Ich empfinde es oft als eine sehr ungerechte Welt...

Ich weiß auch, dass es noch so einige andere Gründe gibt, warum man einen Jungen braucht. Er wird z.B. die Eltern später aufnehmen und für sie sorgen. Töchter werden in andere Familien verheiratet.

Ich denke, Gott hat seinen Plan, wenn wir in Albanien unser drittes Mädchen bekommen (wenn es ein Mädchen ist :). Und ich will voller Stolz dazu stehen und „aller Welt“ bezeugen, dass das Leben von Mädchen genauso wertvoll ist, wie von Jungen.

[Anmerkung: Was ich hier schreibe, trifft für unsere Gegend zu. Nicht in ganz Albanien herrscht mehr dieses ausgeprägte Denken, dass Jungen mehr Wert sind wie Mädchen, oder das jedenfalls so vermittelt wird. Und auch nicht jeder in unserer Gegend denkt so. Aber doch der größte Teil und so begegnet es mir hier immer und immer wieder...]

Ein Wort zum Weltfrauentag

Gestern war der Weltfrauentag. Dieser Tag ist hier in Albanien auch gleichzeitig der Muttertag. Zum ersten Mal habe ich hier in Krume von meinem Mann einen Blumenstrauß mit echten Blumen bekommen! Das war eine große Freude für mich. Bisher konnte man hier wirklich keine echten Blumen kaufen.

Zu dem Anlass des Festes organisierten ein paar Frauen der Stadt eine Feier in einem der größeren Hochzeitssäle. Es sollte Essen und wie üblich Musik und Tanz geben. Ich bekam die Einladung dazu am Vormittag im Kindergarten. Um 13 Uhr sollte alles starten.
Um ehrlich zu sein, hatte ich den Tag anders geplant und ich hatte auch nicht wirklich Lust auf die ohrenbetäubende Musik. Aber ich wusste doch auch, dass es wichtig ist, hinzugehen, einfach um gesehen zu werden und Teil der Frauenwelt hier zu sein. Und ich finde es ja auch toll, wenn mal nur die Frauen etwas Schönes für sich machen. Sie kommen sonst in dieser Gesellschaft hier ja meistens zu kurz.

So traute ich mich mit meiner Teamkollegin hin. Draußen war eine meiner guten Freundinnen am Fotos machen. Sie war wie zu einer Hochzeit aufgemacht. Ich dagegen war alles andere als sehr schick (zumal ich in keines meiner etwas schickeren Kleider mehr passe). Ich fühlte mich wahnsinnig underdressed. Naja, aber was soll man machen. Ich ging mit ihr in den schönen Saal, in dem an mehreren Tischen viele Frauen saßen.

Einige bekannte Gesichter sah ich, winkte und konnte dann auch in den wenigen Musikpausen, in denen es nur möglich war zu reden, mit einigen kommunizieren.
Jede hatte einen großen Teller mit allerlei Salat und Fleisch etc. vor sich. Darin wurde aber nur recht zaghaft gestochert und das Essen zog sich über die ganze mehrstündige Feier hin. Getränke wurden immer weiter nachgeliefert. Sobald die Flasche nur annähernd leer war, wurde sie ohne Nachfrage mit einer vollen getauscht.

Sich in einen der Tänze einzureihen ist ein einmaliges Gefühl. Diese Kreistänze sind mir doch sehr fremd. Dennoch vermitteln sie einem ein Gefühl von Zugehörigkeit und Einheit, das ich schön finde. Da ist nicht viel Abwechslung, aber man sieht sich und man geht den gleichen Weg im gleichen Schritt. (Ich leider nicht immer 🙂

Manche Frauen waren voller Freude dabei. Und es war so ein schöner Anblick für mich, hier Frauen zu sehen, die aus sich herausgehen, ausgelassen und freudig sind, anscheinend keinen Wert auf das legen, was andere vielleicht denken. Das ist ein revolutionäres Verhalten in der Kultur hier, in der es am allerwichtigsten ist, was eventuell andere von mir denken. Davon lassen gerade viele Frauen ihre Leben dirigieren. Umso schöner, es auch mal, und wenn nur im kleinen, anders zu sehen.

Hier ist mal ein kleiner Einblick in dieses Fest und den Tanz.
Sobald ich wieder meine normale Figur habe, habe ich mir fest vorgenommen, mich auch in diesem Stil einzukleiden. Ich hoffe, ich finde hohe Schuhe, in die meine Füße passen und in denen ich auch noch tanzen kann... 🙂