10 wertvolle Aspekte der albanischen Kultur

von Rahel Fröse am 5. Januar 2017

Wir leben mittlerweile seit über drei Jahren in unserer kleinen Stadt im Norden von Albanien. In unserer kleinen, konservativen, traditionellen, kleinen Welt, abgeschieden von den großen Städten, ein eigenes, auch so anderes Leben als im restlichen Albanien. Die albanische Kultur ist 

Die albanische Kultur, die mir zu Anfang fremd war, mir ein komisches Gefühl bereitet hat, teilweise Aufregung, oder Angst, oder Unsicherheit bereitet hat, all das, nein nicht alles, ist mir Vertrauter geworden, normaler, einfacher.

So manches, was zu Beginn wie ein Rätsel war, hat sich langsam aufgeschlüsselt. Dennoch, je länger ich hier lebe, desto mehr merke ich, wie anders doch die ganze Denkweise der Menschen, ihr Weltbild, ist. Wir sehen die Oberfläche, doch was darunter liegt, das kommt langsam, sehr langsam zum Vorschein.

Es ist wohl wie mit der bekannten Spitze des Eisberges. Nur ein ganz kleiner Teil des Eisberges ist zu sehen. Der viel größerer Anteil ist verborgen, nicht mit den Augen zu sehen.

Meistens sind es allerdings die Dinge, die anders, fremd, nicht so "gut" sind, die ins Auge fallen und uns beschäftigen. Oft erscheinen uns die Dinge, die anders sind ja auch als nicht so gut, einfach weil wir sie nicht gewöhnt sind.

Ich ertappe mich auch oft dabei, dass ich mehr auf die Dinge sehe, die mich stören, die mich manchmal auch nerven, die ich als seltsam empfinde. Das ist sicher normal, wenn man in einer fremden Kultur lebt.

Aber so, wie ich auch in meinem Alltag mehr den Blick auf die guten Dinge richten möchte, so will ich es auch in diesem Bereich tun. Und so möchte ich inne halten und einmal darüber nachdenken, welche Aspekte der albanischen Kultur ich hier schätzen gelernt habe. Und diese möchte ich mit euch teilen.

1. Gastfreundschaft

Ich mache hier viele Besuche. Das ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Da viele Frauen nicht raus gehen, liegt es meistens an mir, sie zu besuchen.

Noch nie habe ich es erlebt, dass eine Frau keine Zeit hatte. Das heißt nicht, dass sie keine Arbeit hätten. Aber diese wird hinten angestellt. Jederzeit ist man bereit, Besuch zu empfangen und dafür anderes liegen zu lassen, ohne dass der Besucher es merkt. Vielleicht schätze ich es auch so sehr, weil mir das manchmal schwer fällt. (Artikel)

2. Großzügigkeit

Damit verbunden fällt mir immer wieder auf, dass dem Besucher nur das Beste gegeben wird. Auch wenn man nicht viel hat, das wenige, das man hat, wird geteilt. Das finde ich beachtlich. Manchmal möchte ich es nicht, dass mir eine arme Familie extra eine Dose Fanta kaufen geht, aber es gehört dazu, dem Gast auf jeden Fall einen Kaffee oder ein Getränk, meistens einen Saft, anzubieten. Abzulehnen wäre nicht höflich und würde die Ehre verletzen.

Schon oft habe ich bekannte in der Stadt getroffen, die gerade eingekauft haben und dann jedem meiner Kinder einen Apfel oder eine Mandarine in die Hand gedrückt haben.

3. Unkompliziert im Umgang mit "Missgeschicken"

Da ich selbst drei kleine Kinder habe, schätze ich sehr den unkompliziert Umgang mit Kindern. Wenn ich z.B. meine Nachbarin besuche, die selbst vier Kinder hat, und wir in dem kleinen Wohnzimmer sitzen und sie dann mit einem Tablett kommt, auf dem acht bis zum Rand gefüllte Gläser stehen, dann halte ich manchmal schon die Luft an. Dann wird eben dieses Tablett auf den wackeligen Tisch gestellt. Wie man sich lebhaft vorstellen kann, fällt immer wieder auch was um. Aber das macht nichts. Es wird schnell aufgewischt. Diese Ruhe und Unkompliziertheit finde ich beachtenswert.

4. Liebe zu Kindern

Am Anfang fand ich es sehr gewöhnungsbedürftig, dass fremde Menschen meinen Kindern ins Gesicht geküsst und sie in die Bäckchen gekniffen haben. Besonders Gideon hat sich lautstark gewehrt und ich habe ihn meistens geschützt, außer ich war nicht schnell genug... Diese doch sehr typische Eigenheit des albanischen Volkes ist manchmal auch ein Punkt, der mich stört. Ich habe es aber mittlerweile gelernt, damit umzugehen (und unsere Kinder auch) und ich sehe darin immer mehr einfach nur die große Liebe, die die Menschen hier für die Kinder haben. Und diese drückt sich eben auch körperlich aus. Ich habe auch schon damit begonnen, kleinen Kindern, die ich kenne, auch ein Küsschen auf die Wange zu geben oder sie (natürlich sehr vorsichtig) ins Bäckchen zu kneifen. Das ist einfach Ausdruck von Liebe, wie es die Menschen (und komischerweise auch die Kinder 🙂 hier verstehen.

5. Schöne Floskeln

Als ich begonnen habe, die albanische Sprache zu lernen, da habe ich mir zuerst eine Liste mit allen Redewendungen und Floskeln gemacht, die hier so üblich sind. Und das waren zwei DIN A4 Seiten. Das zeigt: es gibt viele. Ich weiß, Floskeln sind so eine Sache, da sie ja oft auch gedankenlos gesagt werden. Dennoch zeigen sie auch etwas vom Charakter einer Nation. Ich schätze viele dieser Floskeln.

Ein paar Beispiele:

Wenn man den Namen und das Alter seine Kinder sagt, dann wird Ihnen ein langes und glückliches Leben gewünscht oder auch der Schutz Gottes.

Wenn man etwas verschenkt oder einen Kaffee ausgibt, dann wird gesagt: Gott gebe es dir vielfältig zurück.

Wenn man etwas gut gemacht hat, z.B. eine Handarbeit, oder wenn man einen Besuch macht, oder etwas Gutes gesagt hat, dann wird entgegnet: Gesegnet/ Glücklich seien deine Hände, oder deine Füße, oder dein Mund.

6. Anteilnahme in schwierigen Zeiten

Besonders Anteil wird genommen, wenn jemand krank ist, oder einen Unfall hatte, oder wenn ein schlimmes Unglück hereingebrochen ist (wie zuletzt, als ein junger Mann wegen einem verursachten Unfall kurzerhand ins Gefängnis kam).

Es ist üblich, in solchen Zeiten viel Besuch zu bekommen. Meistens wird auch etwas Geld da gelassen, weil z.B. krank sein ganz schön teuer werden kann...).

Anteilnahme, Nachfragen, Dasein, das sind Zeichen von Respekt und Liebe.

Manchmal, wenn ich von Krankheit innerhalb meiner Familie erzählt habe, wurde ich noch viel später nach dem Ergehen dieser Person gefragt. Was ich manchmal schon fast vergessen hatte, dass war den Menschen hier noch sehr bewusst und hat sie bewegt.

Als ich selber mal sehr krank war, hab ich die Liebe und Hilfsbereitschaft von Freunden hier sehr schätzen gelernt und es hat mich auch einen Schritt näher in die Kultur gebracht.

7. Verantwortlichkeitsgefühl

Familienzugehörigkeit spielt hier eine sehr große Rolle. Seine Vorfahren kennt man bis weit zurück mit Namen. Sie werden geehrt und geschätzt. In eine Familie zu gehören bedeutet Schutz und Ansehen (wenn es eine gute Familie ist).

Ich schätze es sehr, dass wir hier in eine Familie aufgenommen wurden, weil wir im gleichen Haus wohnen. Wie oft schon durfte ich hören, dass ich wie eine Tochter bin, und wir dazugehören. Das macht mich stolz und freut mich. Es ist auch ein Verantwortungsgefühl uns "Ausländern" gegenüber. Schutz und Zugehörigkeit. Wir haben eine Familie hier, die sich im Fall auch für uns einsetzen.

8. Sauberkeit in den Häusern

Ich staune immer wieder über die große Sauberkeit in den Häusern und Gärten. Das, was man auf der Straße vermisst, das ist in den Häusern umso größer geschrieben. Es ist mir ein Phänomen, wie man mit oft kleinen Kindern so ein sauberes und ordentliches Haus halten kann. Es beeindruckt mich sehr. Die Frauen sind sehr eifrig und bemüht zu arbeiten für ein schönes Zuhause. Klar, meistens haben sie einfach auch viel weniger Dinge, die Unordnung hervorrufen können, wie z.B. Spielzeug.

9. Gemeinsames Tanzen

Auf Hochzeiten und zu anderen Festen wird zu lauter Musik viel getanzt. Der Tanz sieht ganz anders aus als unserer, aber ich finde es schön, dass im Kreis getanzt wird.

Groß und klein, Mann und Frau, jung und alt. Hand in Hand und im Gleichschritt (der manchmal aus dem Gleichgewicht kommt, wenn ich mittanze 😉 Es ist ihr Ausdruck von Lebensfreude und irgendwie finde ich es sehr verbindend. Ich fühle mich kaum mehr hier angekommen, als wenn ich solch einen Tanz, bei ohrenbetäubender Musik, am Fuße unseres großem Berges, in einem kleinen Garten, unter Sternenhimmel, mittanze.

10.Beziehungskultur

Die albanische Kultur ist eine absolute Beziehungskultur. Die Beziehung geht über alles. Klar tut das der Wirtschaft nicht immer gut, dennoch empfinde ich es auch als große Stärke. Der Mensch ist wichtiger als die Arbeit, die zu verrichten ist.

Stirbt ein entfernter Verwandte eines Freundes, ist es klar, dass ich auch auf die Beerdigung gehe. Fragt mich ein Freund zu einem Kaffee, dann wird die Arbeit ruhen gelassen und ich gehe mit. Ruft mich jemand während einer Behandlung an, wird erstmal geredet. In unseren deutschen Augen sieht manches unhöflich aus, ineffektiv, unwirtschaftlich, und es stimmt ja teilweise auch. Dennoch will ich davon auch lernen und sehen, wie ich den Mensch mehr in den Mittelpunkt stellen kann.

Mir würden noch einige andere Dinge zur albanischen Kultur einfallen, wie z.B. Ehrfurcht vor dem Alter, aber ich möchte es hierbei belassen. Jede Kultur hat seine guten und schlechten Seiten. Gott helfe mir, dass ich mich immer wieder auf die guten konzentriere.

Bist du zum ersten Mal hier?

Auch wenn die Seite noch im Aufbau ist, möchten wir dich dennoch auf unsere Einführungsseite weiterführen, wenn du zum ersten mal hier bist. Ach übrigens: Schön, dass du da bist. 
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